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Eindrücke vom Graphologentag 2009
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Bericht über den Deutschen Graphologentag
in München vom 23.-24. Oktober 2009
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Die Veranstaltung im Künstlerhaus am Lehnbachplatz stieß in diesem Jahr auf großes Interesse. Über 70 Teilnehmer waren der Einladung des Münchner Verbandes gefolgt.
Dr. Angelika Burns: Offizielle Schrift und Spontanschrift
Die Vortragende kann auf eine langjährige Erfahrung als Graphologin und Prüfungstätigkeit bei Assessments zurückblicken. Einblick in die Persönlichkeit der Bewerber erhält sie durch den Vergleich einer offiziellen Handschrift des Probanden, die vor dem Test als so genannte Geschäftsschrift eingereicht wird und einer spontanen Schrift, entstanden unter den Stressbedingungen im Test. Die offizielle Schrift erhält meist dargestellte Elemente, wie sie von Ludwig Klages als erworbene Handschrift beschrieben wird. Später nahm sich Ania Teillard, basierend auf den Untersuchungen von C.G. Jung, dem Thema "Persona"- der Anpassung des Ichs an die Bedingungen der Umwelt-, an . In den gezeigten Schriftbeispielen konnte meist deutlich zwischen einer erworbenen "Personaschrift" im offiziellen Anschreiben und einer mehr aus dem Unbewussten entstandenen Schrift unter Prüfungsathmosphäre unterschieden werden.
Renate Joos: Pro und Contra einer schriftpsychologischen Partnerberatung
Nach einem kurzen geschichtlichen Abriss gab die Referentin eine Erläuterung zur Herangehensweise an eine Partnerberatung. Neben sozialen und gesellschaftlichen Einflussfaktoren entscheidet auch das Bildungsniveau über die Stabilität einer Beziehung, wobei Intelligenz sich angleichen kann, während Persönlichkeitsmerkmale erhalten bleiben. Als stabilisierende Faktoren in einer Ehe nannte sie physische Ähnlichkeiten und Intelligenz- und Interessengemeinschaft. In ihrer kritischen Betrachtungsweise der Partnerberatung kam Frau Joos zu der Erkenntnis, dass Prognosen für das Funktionieren einer partnerschaftlichen Beziehung nicht möglich sind.
Marie Thérèse Christians: Querdenker gefragt! Eine betriebsgraphologische Fallstudie aus Belgien
Gerade heute in Zeiten einer Weltwirtschaftskrise ist es für viele Unternehmen existentiell wichtig, alte Strukturen aufzubrechen und neue, noch nicht erkundete Wege zu beschreiten.
Hierbei spielen Kreativität und einfache Umsetzbarkeit der Ideen eine sehr wichtige Rolle. Eine Krise kann auf unterschiedliche Weise gelöst werden. Einmal kurzfristig zur Schadensbegrenzung. Daneben jedoch stets Überlegungen zu einer langfristigen Strategie.
In ihrem Vortrag geht Marie Thérèse Christians auf einen konkreten Fall zum Thema "Erneuerung" bei einem ihrer Kunden, einer belgischen Tageszeitung, ein. Gesucht wurde eine Person, die in der Lage ist, dieses Projekt kreativ (nach außen) als auch innerbetrieblich, d.h. mit Fähigkeiten zum Management, durchzusetzen.
Frau Christians stellte vier Handschriften von Kandidaten vor, die für diese Aufgaben in die engere Auswahl gekommen waren.
Dr. Marie Anne Nauer: Der Nachweis emotionaler Stabilität in der Unterschrift
In einem theoretischen Exkurs stellte die Referentin verschiedene Persönlichkeitsmodelle vor.
Die Psychologen arbeiten heute unter anderem mit den Fragebogentests der "Big Five" mit Eigen- und Fremdbeurteilung. In der Graphologie sind Grünewald (Gestalttypen), Pophal (Versteifungsgrade)und Pfanne (Antrieb-Steuerung, Reizverarbeitung) zu nennen. Nauer selbst unterscheidet zwischen quantitativer - am Druck messbarer -und qualitativer -an der Elastizität erkennbarer- Belastbarkeit. Die Unterschrift bezeichnete sie als "Mikrokosmos der Handschrift"und zeigte einige Beispiele von Antrieb und Steuerung in Textschrift und Unterschrift.
Dr. Joachim Weber: Der Wert projektiver Verfahren, insbesondere des Rorschach- Formdeutetests
Durch negative Presse ist der Rorschachtest als diagnostisches Verfahren heute in Kritik geraten. In den letzten Jahren ist ein Paradigmenwechsel von der Einzelfallmethode zur objektivierenden quantitativen Diagnostik festzustellen. Mainstream ist auch in der Forensik die Fragebogentechnik. Weber selbst hält am Rorschach-Formdeute- und anderen Abbildungstesten fest. Bestimmte Haltungen bei Straftätern wie Aggression oder Sexualstörungen lassen sich durch Aufforderung zur subjektiven Äußerung beim Betrachten von Klecksen und Bildern nachweisen. Dies belegte der Referent anhand vieler Tafeln, Bilddarstellungen und Bewertungen aus seiner langjährigen Praxis in der Forensik. Seiner Meinung nach sollten projektive Verfahren neben Messen und Auswerten in Tests weiterhin bestehen bleiben.
Esther Dosch: "Greift nur hinein ins volle Menschenleben". Vitalität und Dynamik in der Handschrift
Ohne große Medienpräsenz gab die Referentin in der ihr eigenen lebendig-bildhaften Vortragsweise einen Beitrag über das ruhende Kräftepotential der Vitalität und dessen Umsetzung in eine auf ein Ziel gerichtete Bewegung, die Dynamik hervorbringt. Frau Dosch beleuchtete den Vorgang aus verschiedenen Sichtweisen. Physikalisch erklärt er sich als das Spannungsgeschehen zwischen zwei Polen. Das Ringen um das Erkennen dieser polaren Paare zieht sich durch das Denken der Menschheit über die frühen Philosophen bis in die heutige Zeit. Auch die Handschrift ist ein Schöpfungsprozess, bei den Graphologen z.B. beschrieben als Spannung und Bewegung bei Pophal oder Fähigkeiten und Strebungen bei Klages. Aus den gezeigten Schriftbeispielen konnten die Zuhörer entnehmen, in welch variationsreicher Kombination Vitalität und Dynamik in der Handschrift zu finden sind.
Dr. Christa Hagenmeyer: Individualität in der Handschrift seit 2000 Jahren
In ihren Ausführungen trat die Referentin der gängigen Annahme entgegen, Individualität in der Handschrift des Menschen werde erst im 16. Jh. durch Renaissance, Humanismus und Reformation ermöglicht. Für die abendländische Schrifttradition konnte Christa Hagenmeyer zeigen, daß sich Individualität in der Handschrift immer in der freien Kursive ereignet, welche sich der individuellen Gestaltung öffnet, während sich die kanonisierten Buchschriften statisch beharrend verhalten. Längsschnittartig - von der Antike bis heute - spannte die Referentin den Entwicklungsbogen dieser kursiven Gebrauchs- und Alltagsschriften und bewies anhand herausragender Autographe, daß sich persönliche Entwicklung bzw. individuelles Bewußtstein zu allen Zeiten in der Handschrift spiegelt. Diese neuen Erkenntnisse sind in der Lage, das Verständnis bezüglich des individuellen Schreibens erheblich zu erweitern.
Olivier Netter: Die überwertigen Merkmale in der Handschrift
Herr Netter stellte am Beginn seines Vortrages einige Beispiele der Gestalt- und Figur/Hintergrundbildung vor. Dann zeigte er drei Pinselzeichnungen von Klee, mit dem Thema Zwischenleiblichkeit und Verlust der Persona. Hier sollte deutlich werden, dass es eine gattungsspezifische leibliche Kommunikation gibt, die uns in der Folge des Sozialisierungsprozesses zur Bildung von Körpersymptomen führen kann, aber auch gleichzeitig die Basis unsere Einfühlung in den anderen ist. Dies wurde auch an Hand der Strichqualität der Pinselzeichnungen erläutert . Er stellte eine Liste mit sechs Verhaltenstypen vor, in der das vorherrschende Verhalten einer Person unter bestimmten Umständen, während der frühen persönlichen Sozialisation streng verbotenen Bedürfnisäußerungen oder Impulsen, gedeutet und graphologisch wahrnehmbar gemacht wird.
Dr. Claudia Dander: Traumdeutung und Schriftdeutung
In ihrem Vortrag zeigte die Referentin, wie Trauminhalt und Schriftdeutung miteinander in Korrelation treten können. Nach C.G. Jung geben Träume eine Hilfestellung zum Erleben des Unbewussten und der Verarbeitung von Konflikten. Was für die Erschließung der Träume Symbole und Metaphern sind, sind für die Erschließung der Handschrift die Merkmale. Der Traum hilft dem Träumenden, seine emotionale Befindlichkeit besser wahrnehmen zu können. Auch Schriftdeutungen können Hilfestellung auf dem Weg zur Individuation sein. Frau Dr. Dander zeigte Beispiele handgeschriebener Aufzeichnungen von Traumerlebnissen, die in einem Traumseminar entstanden waren und erläuterte, wie bestimmte Grundthemen einer Persönlichkeit in Traumaussage und Schriftaussage zum Ausdruck kommen.
Dr. Helmut Ploog: Die Temperamentstypen von Heymanns/Wiersma und Le Senne und ihr Einsatz in der Graphologie
Heymanns/Wiersma gehen von den Temperamenten als Charaktertypen aus. Aus den drei Strukturelementen emotional, aktiv und primär mit ihren Gegensätzen entwickelten sie Mischformen, aus denen acht psychologische Typen entstanden. Diese wurden von den französischen Psychologen um Le Senne weiter ausgebaut. In der Graphologie dient diese Typologie mit Aufstellung von Merkmalen für eine rasche Einsicht in die Persönlichkeit eines Menschen. Dr. Ploog warnte davor, sie ausschließlich als Mittel zur Interpretation einer Handschrift zu benutzen. Er zeigte verschiedene Schriftbeispiele u.a. von Politikern und lud die Zuhörer ein, die Handschriften in die Typologien einzuordnen.
Robert Bollschweiler: Tschaikowsky und Frau von Meck
Der Referent schilderte in bewegender Weise den intensiven Schriftwechsel von Nadeshda von Meck, der reichen Witwe eines Edelmanns, mit dem Komponisten Peter Ilitsch Tschaikowsky. Der Austausch von Gefühlen und Gedanken dauerte 13 Jahre, ohne, dass sich die beiden jemals trafen. Für den zart beseelten Komponisten war die Distanz wichtig, um sich mit voller Kraft seinen Werken widmen zu können, die adlige Witwe brauchte den Abstand, um die Würde ihres Standes zu wahren. Herr Bollschweiler brachte zum Schluss einige Schriftbeispiele, zum einen einfache, klare und gut gesteuerten Schriftzüge von Frau von Meck und Beispiele der Entwicklungsschritte Tschaikowskys zu einem genialen Komponisten.
Insgesamt konnten die Teilnehmer am Graphologentag auf eine gelungene Tagung mit Beiträgen auf hohem Niveau und anregenden Gesprächen zurückblicken.
Christiane Sarreiter
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© Berufsverband geprüfter Graphologen/Psychologen e.V.
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