Bericht über den Graphologentag in

 München vom 13.-14. Oktober 2017

 

Marianne Macheroux

 

Im bewährten Rahmen des Künstlerhauses am Lenbachplatz waren über 40 Teilnehmer der Einladung nach München gefolgt, um neben klassischen Themen auch neueste Entwicklungen im Bereich der Graphologie zu erfahren und zu diskutieren.

 

Dr. Marie Anne Nauer: Intelligenz auf der Chefetage – wie funktioniert Führungskompetenz

Unter der Fragestellung „Wie sieht gute Führung aus?“ und „Gibt es neben IQ und EQ auch einen ethischen Quotienten?“ wurden theoretische Überlegungen von Cicero bis Heberlein und Kuhl dargelegt und mit Handschriften aus der Praxis veranschaulicht. Als Ideal kann ein Gleichgewicht aus Leistungskraft und moralischer Grundhaltung gelten. Echte Führungskraft zeichnet sich durch Intelligenz und ein „buntes Profil“ aus, in dem mit Pophal eine ausgeglichene Hirnsteuerung in den verschiedenen Regionen vorliegt. Dabei spielt auch die Stressregulierung eine besondere Rolle, die auch in der jüngsten neurowissenschaftlichen Forschung bestätigt wurde.

 

Claudia Caspers: Ringversuche als zentrales Element der Qualitätssicherung in der Handschriftenanalyse

Gemäß Goethes Satz: „Man sieht nur, was man weiß“ sind Ringversuche ein Mittel,  der Graphologie ihren wissenschaftliche Status zurückzuerobern. Unter den Punkten: Aus-/Weiterbildung, Kooperation mit anderen Disziplinen und Ländern, regelmäßige Überprüfung  sowie Forschung und Entwicklung wurden im letzten Ringversuch Schriftproben von Graphologen aus verschiedenen Ländern charakterisiert und mit diversen Parametern, z. B. Selbst- und Fremdeinschätzung der Schreiber, verglichen. Dr. Ploog, der sich wesentlich an dem Versuch beteiligt hatte, wurde ein Zertifikat für seine Mühe überreicht. Ein weiterer Ringversuch, der leichter zu handhaben ist und hoffentlich auf reges Interesse stoßen wird, ist in Planung. Eine Veröffentlichung der bisherigen Ergebnisse in den Fachzeitschriften benachbarter Disziplinen ist ebenfalls geplant.

 

Ilona Mattissek: Schreiben und Malen unter Spannung am Beispiel von Edvard Munch

Munch wurde 1863 in Norwegen geboren und starb 1944. Der frühe Verlust der Mutter stürzte ihn Zeit seines Lebens in schwierige Gemütszustände, die so weit gingen, dass er sich als Erwachsener selbst in eine Heilanstalt einwies. Munch gilt als Wegbereiter des Expressionismus. Seine Bilder, die die Entfremdung des Menschen von Natur und  eigenem Ich darstellen, wurden von einigen Kritikern als roh, schockierend und hässlich eingestuft. Sein wohl berühmtestes Bild „Der Schrei“, das er mehrfach und in verschiedenen Farben malte, zeigt die permanente psychische Anspannung, unter der der Künstler litt. In seiner letzten Schaffensperiode wurden seine Bilder farbenfroher und lebensbejahender. Zwar hatte er im Laufe seines Lebens einige Bekanntschaften, er blieb jedoch ein Einzelgänger -  gemäß seinem Namen: Munch bedeutet auf Norwegisch „Mönch“.

 

Christiane Sarreiter: Menschen auf der Bühne – Performance im Beruf und in der Handschrift

Der Beruf des Regisseurs kann als Führungsaufgabe gesehen werden, denn es  müssen für diese kreative Herausforderung Antrieb, Wille, Durchsetzungskraft, Teamgeist und Neugier vorhanden sein. Drei Regisseure (eine Frau und zwei Männer), die 2014/15 im Münchner Volkstheater tätig waren, wurden  mit ihren Projekten und ihren Handschriften vorgestellt. Alle drei waren mit ihren Inszenierungen erfolgreich, ihre Handschriften unterschieden sich jedoch in einigen Merkmalen. Als eine zurzeit sehr erfolgreiche Entertainerin wurde Helen Fischer kurz porträtiert und deren Handschrift auf eine gekonnte Selbstdarstellung verweist.

 

Dr. Angelika Burns: Leadership im 21. Jahrhundert

Die Reflexion zu diesem Thema umfasste die Betrachtung von Handschriften aufgrund graphologischer Leitlinien und Kriterien und wurde mit Beispielen aus Assessments (Persönlichkeits-, Leistungstests, Fallstudie, Interview) verknüpft. Während früher steile Hierarchien im Vordergrund standen, sind heute eher Persönlichkeiten gefragt, die teamorientiertes Projektmanagement praktizieren; flache Hierarchien passen besser zu mündigen Mitarbeitern. Zeitgemäße Chefs sind kooperativ und kontaktbereit, können sich aber auch abgrenzen; es sind intelligente Pragmatiker mit Blick auf größere Dimensionen. Graphologisch können sich diese Eigenschaften in den Bereichen der Ganzheitsmerkmale, der Spannungsgrade (optimal ist 3 in Kombination mit 2 oder 4) und der Ich-Beschaffenheit (u.a. Stärke, Kontaktfähigkeit, Taktgefühl) zeigen.

 

Dr. Urs Imoberdorf/ Dr. Rudolf Knüsel: Die Kreuzleitung. Die Kunst einfallsreichen Scheiterns und Querdenkens. Geniale Köpfe aus München und ihre Handschrift

Mit einer Schweigeminute gedachten die Anwesenden Dr. Rudolf Knüsel, der am 9. Oktober gestorben ist. Einige Anwesende würdigten den Verstorbenen, indem sie über ihre angenehmen Begegnungen mit ihm berichteten.

Dr. Imoberdorf verlas den angekündigten Vortrag von Dr. Knüsel.

Die „Kreuzleitung“ ist eine Metapher für verdrehtes Denken und der Nutzlosigkeit menschlichen Bemühens; sie stammt aus einem Sketch von Karl Valentin und Liesel Karlstadt. Wenn auf vermeintlich Vertrautes kein Verlass ist, dann kann man entweder in Depression verfallen oder der Sinnlosigkeit noch etwas Komisches abgewinnen. Die Handschrift Valentins zeigt Exzentrik und eine gewisse Rücksichtslosigkeit,  während die Karlstadts weniger eigenwillig, dafür aber eher leidensfähig ist. Das zweite Künstlerpaar sind die Geschwister Erika und Klaus Mann. In beider Handschrift zeigt sich Initiative und Risikobereitschaft. Während Erika in späteren Jahren „alltagstauglich“ wird, begeht ihr sensitiver Bruder Suizid. Dr. Knüsel kommt zu dem Schluss, dass alle vier vorgestellten Personen kreativ waren, dies aber nicht in der Handschrift erkennbar ist. Kreativer Ausdruck ist sehr individuell und besteht darin, sich mit seinen persönlichen Fähigkeiten zu behaupten.

 

Dr. Helmut Ploog: Ist Suizidneigung in der Handschrift erkennbar?

In Deutschland gibt es ca. 10.000 Suizide pro Jahr (2015). Es gibt dazu vielfache Ursachen und Erklärungen; Mediziner nehmen an, dass 90% der Fälle auf psychische Störungen zurückzuführen sind. Manchmal liegen Abschiedsbriefe vor, sodass die Frage nahe liegt, ob die Selbsttötungsabsicht in der Handschrift zu erkennen ist.

Es wurden viele Schriften – zumeist von Jugendlichen – gezeigt. Wird das Vorhaben nicht explizit benannt, kann der Suizid nicht aus dem Schriftbild ermittelt werden. Anhand der Schrift einer 22-jährigen Polizistin, die sich wegen Mobbings  das Leben nahm, kann aufgrund der großen Wortabstände und er kleinen Zeilenabstände lediglich ein „äußeres Mitmachen bei innerer Isolierung“ festgestellt werden. Bei der Schrift der 26-jährigen Ehefrau von Georg Trakl kristallisiert sich zwar der Hang zu einem Leben in einer Phantasiewelt heraus, aber dass dies in einem Suizid endet, kann nicht zwingend aus der Handschrift geschlossen werden. Allerdings kann eine Schrift Notsignale enthalten, die auf Hilfsbedürftigkeit hinweisen. Im bereitgestellten Handout gibt es hierzu einige hilfreiche Anmerkungen.

 

Dr. Antje Telgenbüscher: Gedicht und Handschrift: Poetinnen unserer Zeit

Sowohl in den Gedichten als auch in der Handschrift der Urheberinnen findet man Charakteristisches. Es wurden drei Frauen vorgestellt, die einen prominenten Platz in der Literaturgeschichte haben. Mascha Kaleko (1907 – 1973) war schon früh einem Publikum bekannt. Sie arbeitete als Werbetexterin und Sekretärin und veröffentlichte schon mit Anfang 20 Gedichte in einer Berliner Zeitung. Sie wird gelegentlich als „kleine Schwester von Erich Kästner“ bezeichnet, da auch bei ihr Alltagssituationen Auslöser fürs Schreiben waren. Ihre Handschrift ist lebendig, gewandt, beschränkt sich aufs Wesentliche und führt kurz und knapp zum Ziel. Sarah Kirsch, eigentlich Ingrid Bernstein, wurde 1935 im Harz geboren. Den Vornamen änderte sie, um ihren Vater zu ärgern. Sie studierte zunächst Biologie und wechselte dann zur Ausbildung ins Literaturinstitut Leipzig. In der DDR bestand sie auf Individualität und zog sich so den Unmut der Mächtigen zu. Sie lebte in Schleswig-Holstein – naturverbunden hinterm Deich und starb 2013. Ihre Schrift ist schwungvoll, unbeirrt, verspielt, dekorativ bereichert und raffiniert vereinfacht. Sie will verbinden, Muster weben – sowohl in ihren Gedichten als auch in ihrer Handschrift. Ulla Hahn ist 1946 im Sauerland geboren. Sie studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete als Redakteurin beim Rundfunk. In ihren Gedichten thematisiert sie das ambivalente Verhältnis zwischen Männern und Frauen, Anklänge an Goethe und Heine sind zu finden. In ihrer Schrift zeigen sich Tatendrang und Geltungswille sowie ein hoher Anspruch, den sie an sich und ihr Leben stellt. Von allen Autorinnen wurden Gedichte vorgelesen, die das jeweils Charakteristische herausstrichen.

 

Klara Leclerq Backes: Die ADE „Leiter“ von Adeline Eloy in der Untersuchung von Kinder- und Jugendschriften

In den letzten 20 Jahren hat sich der Schreibunterricht in den ersten 4 Schuljahren verändert. Es wird weniger geübt, Schönschreiben gibt es nicht mehr, die Schreibutensilien haben sich verändert und die Schreibschrift wird gelegentlich in Frage gestellt. An die Welt des „Jetzt und Sofort“ müssen sich die Kinder anpassen und ihre eigene „Melodie“ finden. Nicht alle Kinder können dies mühelos bewältigen. In der Graphotherapie sollen die Stärken und Schwächen des Schreibers gefunden und Lösungen zur Förderung bzw. Verbesserung vorgeschlagen werden. Von Bedeutung sind dabei die vier Elemente Strich, Form, Raum und Bewegung. Das Ziel ist eine leserliche, in angemessener Zeit schmerzfrei hergestellte Textmenge. Die ADE-Leiter gibt einen Rahmen dafür, was in einem bestimmten Alter normal ist  bzw. der Förderung bedarf. An verschiedenen Schriftbeispielen und entsprechenden Auswertungen wurde diese Methode erläutert und ergänzend dargelegt, dass das Erlernen der Schrift auch immer mit der Entwicklung der Persönlichkeit einhergeht.

 

 

Dr. Helmut Ploog: Zwei Kurzvorträge – Gottfried Wilhelm Leibniz zum 300. Todestag (2016) und Hermann Hesse

Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz verfasste über 20.000 Briefe, sowohl in Latein als auch in Französisch. Er hat das für uns heute noch sehr wichtige duale System sowie die Infinitesimalrechnung entwickelt. Leibniz war Autodidakt, er studierte Philosophie und Mathematik. Im Kontrast zur verregelten und monotonen Kanzleischrift seiner Zeit ist Leibniz‘ Schrift bewegungsbetont, zeigt viele Lagewechsel und originellen Buchstabenverbindungen, Letzteres verweist auf seine hohe Intelligenz. Die starke Motorik legt Dranghaftigkeit und inneres Getriebensein nahe, wobei auffallend ist, dass die i-Punkte sehr genau gesetzt sind. Zum Vergleich wurde die Schrift von Maria Sibyla Merian herangezogen. Ihre Schrift aus der Zeit ist ebenfalls als überdurchschnittlich anzusehen, wenngleich sie regelmäßiger und besser gesteuert ist als die von Leibniz.

 

Hermann Hesse (1877 – 1962) ist im Laufe seines Lebens durch viele Krisen gegangen. Als Jugendlicher musste der spätere Nobelpreisträger mit einem Schulabbruch zurechtkommen und  einen Suizidversuch überwinden. Seine Bücher können als Selbstoffenbarung unter dem Motto „Entwicklung, Reinigung, Reife“ gelesen werden. In der Schule lernte er die deutsche Schrift, später auch die lateinische. Die Handschrift des 25-jährigen Hesse zeigt Disziplin, steten Arbeitseinsatz und starke Selbstkontrolle. In der Altersschrift tritt die Gestaltungskraft deutlich in den Vordergrund, die Schrift ist weit, locker und es dominiert die Horizontale. Obwohl die Gicht beim Schreiben große Probleme verursachte, zeigt  Hesses Schrift einen offenen Geist und innere Freiheit.

 

Insgesamt konnten die Teilnehmer am diesjährigen Graphologentag auf eine gelungene Tagung mit Beiträgen auf sehr hohem Niveau und anregende Gespräche zurückblicken. Auch das Abendprogramm in der Gaststätte Hofer bezauberte die Teilnehmer im wahrsten Sinne des Wortes durch Dr. Ploogs faszinierende Tricks nach dem Motto: „Nur der Schein trügt nicht“.