
Bericht über den Deutschen Graphologentag in München vom 7.-8. Oktober 2011
Peter Mittl
Im bewährten Rahmen des Künstlerhauses am Lenbachplatz stieß die Veranstaltung wie gewohnt auf großes Interesse. Über 60 Teilnehmer waren der Einladung nach München gefolgt und kamen sogar aus Übersee angereist.
Dr. Marie Anne Nauer: Die (Er-) Findung der eigenen Identität. Drei Fälle und ihre Schriftbilder
Der Vortrag zeigte mittels Schrift und Persönlichkeitsdiagramm die problematische Identitätsentwicklung, mit der unerwünschte Kinder zu kämpfen haben. Alle drei Beispiele litten unter fehlender Daseinsberechtigung (oftmals Unauffälligkeit, die nicht stören will), einem Selbstwertmanko und der Angst ihren Platz bzw. ihre erkämpfte Identität zu verlieren (teils unklare Gliederung oder barsche Abwehrhaltung). Diese Handycaps wirkten sich auch als Einbrüche in den Persönlichkeitsdiagrammen aus, welche in die vier Quadranten persönliche, soziale, handelnde und intellektuelle Kompetenz unterteilt waren. Einmal mehr konnten die Ergebnisse der schriftpsychologischen Analyse im weiteren Verlauf „als Katalysator für den Bewusstwerdungsprozess“ wirken und wurden so zum Auftakt einer persönlichen Wende für die Schrifturheber.
Dipl.-Psych. Renate Joos: Eine Schrift, verschiedene Blickwinkel und das Unbewußte im Gutachten
Im Mittelpunkt des Vortrags standen die zahlreichen Gutachten zur Person Sigmund Freuds, die zumeist mehr über den Gutachter und seine Zeit samt Voreingenommenheiten verrieten, als über den Schrifturheber selbst. Leider tritt Ludwig Klages in diesem Who is Who der Graphologie als Negativbeispiel hervor. Er sah in Freud einen Konkurrenten, den er verbissen abzuwerten versuchte, nicht zuletzt deshalb, weil Freud seine unbewußten Schattenseiten personifizierte. Gerade die in der Schrift von Klages fehlenden Schriftmerkmale, welche einen deutlichen Hinweis auf die (verdrängten) Inhalte im Unbewußten geben, standen bei Freud nur allzu deutlich im Vordergrund und waren Klages ein Dorn im Auge, der sein Urteil trübte.
Ruth Grosse: Formen der interpersonellen Abwehr
Thema war die interpersonelle Abwehr. Architektonisch gesehen befanden wir uns nach einem Aufstieg aus dem intrapersonellen Erdgeschoß des Individuums über die Kollusion der Zweierbeziehung Jürg Willis im ersten Stock, nunmehr im interpersonellen zweiten Stock, wo nach Horst Eberhard Richter die Rollenvergabe innerhalb der Familie stattfindet. Dort verwandeln Neurotiker häufig die Familie in ein Sanatorium, Gefängnis oder zur Theaterbühne. In dieser Pseudowelt sind sie dann häufig die einzig Gesunden in einem ansonsten kranken Umfeld. Anhand von Schriftbeispielen aus einer Familie über mehrere Generationen hinweg wurden die großen Linien einer Gesamtinszenierung veranschaulicht und es zeigte sich, mit welchen Folgen für die beteiligten Komparsen das Kammerspiel „Eliteschule“ zur Aufführung kam.
Marie Thérèse Christians: Echt oder falsch? Zwei signierte Bilder von Franz Marc
Dieser Beitrag aus dem Fachgebiet der Schriftexpertise ging der Frage nach, ob die Signierungen und rückseitigen Widmungen dreier Bilder von Franz Marc als echt zu bewerten seien. Die sehr variable, weder in Form noch im Platz festgelegte Unterschrift von Franz Marc ließ trotz sehr differenzierter Detailarbeit leider keine hundertprozentige Eingrenzung zu. Bei den Widmungen allerdings konnte man davon ausgehen, daß weder einem professionellen Fälscher, noch Marc selbst derart eklatante Rechtschreibfehler wie etwa Mark anstatt Marc unterlaufen wären. Logische Schlußfolgerung: hier handelt es sich um Absicht, sprich mit einem feuchtfröhlichen Augenzwinkern hat Franc Marc befreundete Emigranten, die mit der deutschen Sprache ihre Schwierigkeiten hatten, auf den Arm genommen. So lautete auch das abschließende Urteil, daß nichts gegen die Echtheit der Bilder spräche.
Edith Hauss und Aline Verbist: Die Handschrift unter der Lupe von Graphometrikern
Ausgehend von dem Leitsatz: „Alles was beobachtet werden kann, kann auch gemessen werden“, wurde der graphometrische Test – insbesondere die berufsorientierte Form A – von Jacques Salce, ein Verfahren mit dem auch Thea Stein Lewinson teilweise arbeitete, den Teilnehmern näher gebracht. Zahlreiche Messungen, Erfassungsbögen, graphische Darstellungen, sowie Auswertungs- und Vektorenblätter ermöglichen – so das anspruchsvolle Ziel – eine statistisch verifizierte und abgesicherte Objektivität, die höchsten Validitätsansprüchen gerecht wird und subjektives Meinen und Wähnen ausschließt. Die Methode ist nicht unumstritten, dies zeigte auch das erhöhte Diskussionsaufkommen u.a. mit der Frage, ob bei den abgeleiteten Bedeutungen nicht eventuell doch das eine oder andere Mal die eingangs erwähnten „parasitären Intuitionen“ Pate gestanden hätten.
Renate Kümmell: Konfliktbewältigung, gezeigt an ausgewählten Schriftbeispielen
Die Referentin beschäftigte sich mit den Konfliktmerkmalen in der Handschrift, die zu Störungen im Bewegungs-, Form- und Raumbild führen. Zahlreiche Schriftbeispiele konnten dies anschaulich verdeutlichen und führten den Unterschied zwischen Scheitern und bewältigtem Leben vor Augen. Ein konfliktfreies Leben gibt es nicht und so trifft der Mensch häufiger als ihm lieb ist auf unvereinbare Motive und Interessenlagen. Erst eine gesunde Konfliktfähigkeit (i.S. sozialer Kompetenz) ermöglicht eine lebensgerechte Lösung, die den rechten Weg zwischen Skylla und Charybdis hindurch findet. Dergestalt können Konflikte fruchtbar werden für die Entwicklung.
Dr. Antje Telgenbüscher: „In ihrer Nähe beginnt der Wahn.“ Ingeborg Bachmann & Max Frisch – Ein Paar im Spiegel seiner Handschrift
Der Vortrag stellte lebendig und kompetent die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieses Königspaares des Literaturbetriebes im Spiegel der Handschrift heraus. Die anfängliche Liebe, von Freud auch als „temporäres Irresein“ bezeichnet, scheiterte letztlich nicht nur am beruflichen Konkurrenzdenken der Beteiligten, sondern auch an dem gemeinsamen Bedürfnis nach maximaler Freiheit bei minimalem Vertrauen (samt Eifersucht). Eine Trennung war unvermeidlich und Ingeborg Bachmann zog dabei das schlechtere Los. Sie verlor nicht nur zunehmend den Kontakt zu ihrer Weiblichkeit, sondern – so lassen es letzte Gedichte vermuten – auch ein (gemeinsames) Kind.
Olivier Netter: Überformungen in der Gestaltung der Handschrift
In seinem Vortrag verfolgte der Referent seinen Denkansatz, der die Graphologie als einen Teil der Körpersprache in Anlehnung an Wilhelm Reich und Alexander Lowen auffaßt und so lautete die entscheidende Frage: wie bewegt sich jemand und welchen Strich bringt er hervor? Durch die frühkindliche Reflexentwicklung erlernt der Mensch ein fundamentales Bewegungsrepertoire, dessen Eindrucksqualitäten sich nicht nur im Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen, sondern auch im Schreiben mitteilen, ohne daß erst großartige Typologien bemüht werden müssen.
Claudia Caspers: Der Umgang mit Macht im Spiegel der Handschrift
Eine Einführung durch die Fachbereiche Philosophie, Psychologie und Etymologie bot zahlreiche Definitionen des Machtbegriffs, u.a. den von Friedrich Nietzsche: „Macht bietet Freiräume zur Entfaltung des Selbst“. Im Anschluß arbeitete die Vortragende Machttypen samt Schriftmerkmalen heraus, die mit dezenten (auch eine Intelligenzfrage) bzw. nicht dezenten Mitteln Macht ausüben. Das Spektrum reichte vom aktiv-autoritären (Rosa Albach-Retty), krankhaft-narzisstischen, anti-autoritären und passiv-autoritären Machtyp (Kardinal Ratzinger), über den Machtasketen (Lady Di) bis hin zum Machtgestalter (Thatcher) und Regisseur, der seine Ideen in den Vordergrund stellt und dann Raum läßt.
Dr. Angelika Burns: Einzel-Assessment und Graphologie, Ergänzung zweier Methoden
Anhand eines Bruderpaares zeigte die Vortragende, wie die Einblicke, welche die Schriftpsychologie gewährt, mit den zusätzlichen Methoden, Tests und Verfahren des Einzel-Assessment eventuell verfeinert bzw. untermauert werden können. Die beiden ungleichen Brüder ereilte im Alter von etwa 50 Jahren das gleiche Los, als sie sich aus unterschiedlichen Gründen eine neue Arbeitsstelle suchen mußten. Nach Auswertung der Säulendiagramme kam ein erstaunliches Ergebnis zum Vorschein: trotz der unterschiedlichen Schriften, nicht nur hinsichtlich der Denkroutine und Streßresistenz, litten die Brüder unter ähnlichen (familiär bedingten) Defiziten, die im Diagrammvergleich deutlich hervortraten.
Dr. Helmut Ploog: Graphologie des Strichs nach W. Hegar
Seine Methode erfreut sich in Frankreich nach wie vor einiger Beliebtheit. Laut Hegar setzt sich der Strich immer aus vier Elementenpaaren zusammen: Druck-Drucklosigkeit, Teigigkeit-Schärfe, Geradlinigkeit-Rundungen und Tempo-Langsamkeit. Die unterschiedlichen harmonischen bzw. disharmonischen Kombinationen und ihre Ableitungen sind in Tabellen erfaßt und geben beispielsweise Auskunft über den Energieeinsatz, die Entschlußkraft, die Beeindruckbarkeit oder den Aktivitätsgrad. An aktuellen Schriften wie Wolfgang Schäuble oder Monika Ferres kam zuletzt das Vorgetragene überzeugend zum Einsatz.




