29.4.2013 Bild: Was die Handschrift über Peer Steinbrück verrät
8.9.2012 Augsburger Allgemeine: Der Spiegel der Seele
10.8.2012 HÖRZU: Was die Handschrift über uns verrät
27.6.2012 Bild: Muß ich noch mit der Handschrift schreiben können?
Nr. 2/2012 BACKGROUND: Der Schlüssel zur Persönlichkeit
Nr. 1/2012 Das formgelb Magazin: Fenster zum Gehirn
6.10.2011 Münchner Merkur: Die Schönheit der Schrift ist sekundär
16.9.2011 Münchner Merklur: Exakt nach Punkte-Plan
8.6.2011 Abendzeitung München: Mit königlicher Tinte
Mai 2011 Das Büro: Was Ihre Schrift verrät
6.5.2011 Grenz-Echo: Buchstaben legen den Blick auf die Seele frei
Nr. 5/2008 Süddeutsche Zeitung, Sonderheft Wissen: Handschrift
Nr. 5/2008 Zeitschrift Fliege – Horizonte: Spiegel der Persönlichkeit
April/Mai 2008 Zeitschrift BIO: Handschriften deuten – Was das Schriftbild über uns verrät
10.03.2007 Passauer Neue Presse: Zeig mir deine Schrift und ich sage dir, wer du bist
30.01.2007 Stuttgarter Zeitung: Der elastische Strich – Eine Graphologin erzählt
Sept. 2006 Zeitschrift Petra: Heimliche Botschaften
22.12.2005 Wirtschaftswoche: Was die Graphologie leisten kann und was nicht
(mit der Stellungnahme des Auslandskorrespondenten aus Paris)
19.9.2003 Abendzeitung München: Zwei ganz verschiedene Typen: Stoiber kontra Maget
19.5.2003 Westdeutsche Allgemeine Zeitung: Fingerabdruck der Persönlichkeit
10.11.2001 Stuttgarter Zeitung: Hinter Schnörkeln will man sich verstecken
7.11.2001 Frankfurter Allgemeine Zeitung: Graphologen tagten in München
17.10.2001 Neue Züricher Zeitung: Graphologie hat nichts mit Wahrsagerei zu tun
Mai 2000 Karriereführer Hochschulen: Schreib? mal wieder!
27.7.2000 Weltwoche: Schwere Zeiten für Schriftanalytiker
15.4.2000 Süddeutsche Zeitung: Verräterische Linienführung

Graphologie Peer Steinbrück

Graphologie: Der Spiegel der Seele
Graphologie Spiegel der Seele

Graphologie: Der Spiegel der Seele

Graphologie: Der Spiegel der Seele

Graphologie Hörzu

Muß ich noch mit der Handschrift schreiben können?

Nr. 2/2012 BACKGROUND: Der Schlüssel zur Persönlichkeit

Nr. 1/2012 Das formgelb Magazin: Fenster zum Gehirn

Nr. 1/2012 Das formgelb Magazin: Fenster zum Gehirn

Nr. 1/2012 Das formgelb Magazin: Fenster zum Gehirn

6.10.2011 Münchner Merkur: Die Schönheit der Schrift ist sekundär

Münchner Merkur: Exakt nach Punkteplan

Graphologie: Abendzeitung München: Mit königlicher Tinte

Mai 2011 Das Büro: Was Ihre Schrift verrät

Graphologie Grenz Echo

Graphologie Grenz Echo

Zeitschrift Fliege – Horizonte Nr. 5/2008, Christiane Sarreiter


Der eine hat eine “gestochene” Handschrift, der andere eine “Klaue”. Was verbirgt sich dahinter? Eine Handschrift gibt Aufschluss über Charakterzüge. So kann eine Analyse hilfreich bei der Berufswahl sein, jedoch auch bei der Partnerwahl.

Vor kurzem bat mich eine 26-jährige Studentin, die bald vor ihrem Magisterabschluss steht, um ein graphologisches Gutachten. Sie wusste nicht recht, wie sie ihren weiteren beruflichen Werdegang gestalten sollte. Ihr war eine Assistentenstelle an der Uni angeboten worden. Sollte sie eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen oder, was sie sich auch vorstellen könnte, bei einer Organisation bewerben, die sich um die Integration von Angehörigen verschiedener Volksgruppen kümmert?

Das Gutachten ergab, dass besagte Studentin in einer rein wissenschaftlichen Tätigkeit nicht zufrieden wäre und theoretisches Arbeiten an einem Institut sie langweilen würde. Die große, weite Schrift mit elastischen Rhythmus und Druck verriet ihre betont emotional-praktische Art und die daraus resultierenden guten sozialen Kompetenzen. Dies lässt eine höhere Zufriedenheit erwarten, wenn sie mit Menschen umgehen und sich für Schwächere, Hilfesuchende engagieren kann. Die junge Frau wurde durch das Gutachten in ihren Vorstellungen von sich selbst bestätigt und wird nach ihrem Abschluss eine Tätigkeit in einer sozial ausgerichteten Organisation suchen.

Wie kommt die Graphologie zur ihren Aussagen?
Schreiben ist, wie Sprache, Mimik und Gestik, eine Ausdrucksform des Menschen. Der Vorteil der Schrift ist, dass sie fixiert ist auf einem Stück Papier und somit sichtbar bleibt. Selbst der Laie sieht Unterschiede zwischen unausgeschriebenen Kinderschriften und Schriften reifer Erwachsener. Auch hohes Alter, schwere psychische oder körperliche Erkrankungen, die die Motorik stören, finden in der Handschrift ihren Niederschlag und sind für jeden nachvollziehbar. Handschrift ist “Gehirnschrift”. Sie ist nicht angeboren, sondern wird mühsam erlernt. Mit zunehmender Reife entwickelt sich die Schrift, wird unbewusster, flüssiger, rhythmischer und eigengeprägter, während sie im Alter wieder gehemmter, verkrampfter werden kann.

Welche Aussagen kann die Handschriftenanalyse machen?
Handschrift ist ein Spiegel der Persönlichkeit. Grundlegende Eigenschaften wie Temperament, Extra- oder Introversion, Reizempfinden, psychische Stabilität oder Labilität finden hier ihren Ausdruck. Die Schrift macht Aussagen die Ausrichtung der Begabung und der intellektuellen Fähigkeiten. Ist der Mensch mehr praktischer oder Theoretischer Natur? Wie sind seine Willenskräfte gelagert? Die Graphologie gibt Auskunft über die psychische Beschaffenheit des Schreibers. Wie robust und belastbar ist er, wie stark ist das Selbstwertgefühl? Soziale Kompetenz wie Sensibilität für das Befinden der Mitmenschen, Konflikt- und Kritikfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit finden in der Handschrift ihren Niederschlag. Keine Aussagen kann die Graphologie machen über Alter, Geschlecht, Beruf und sozialen Status des Schreibers, ebenso wenig wie sie in die Zukunft sehen kann. Aber sie kann helfen, sich selbst und andere besser kennenzulernen und daraus Anregungen zur Bewältigung von Lebenssituationen geben.

Nicht die Aufgabe der Graphologie ist es, Schriftvergleiche, z.B. von Dokumenten zur Untersuchung der Urheberschaft und Echtheit eines Schriftstücks zu machen. Das ist das Gebiet der Schriftsachverständigen, die zum Teil auch als vereidigte Sachverständige bei Gericht arbeiten.

Viele Menschen haben Hemmungen, ihre Schrift einem Graphologen vorzulegen. Sie finden ihre Handschrift nicht “schön”. Dabei wird “Schönheit” meist mit Regelmäßigkeit und Schulform oder, je nach Geschmack, mit Verzierungen und Ausschmückungen gleichgesetzt. Doch solche Schriften zeigen wenig persönlichen Ausdruck und wirken unecht und gemacht. Das wahre Ich des Schreibers bleibt wie hinter einer Maske verborgen. Wer versucht, seine Handschrift zu verstellen, bewegt sich langsamer über das Papier, schreibt steiler, gehemmter und druckstärker. Das geschulte Auge des Graphologen erkennt dies sofort.

Wie arbeitet eigentlich der Graphologe?
Erhält der Graphologe eine Schrift zur Begutachtung, lässt er sie zuerst auf sich wirken und macht sich einen Gesamteindruck. Wie ist der übergreifende Rhythmus der Schrift? Wirkt sie elastisch-zügig oder gehemmt? Ist das Schriftbild dicht oder lückenhaft? Wie ist der Strich, ist er sauber oder verschmiert, gleitend oder brüchig? Anschließend werden die einzelnen Merkmale betrachtet wie Größe, Lage und Weite der Schrift, Druck, Tempo, Längenunterschiede und Abstand der Wörter und Zeilen. Aus den Eindruckscharakteren der Schrift und den Einzelmerkmalen kann der Graphologe auch Schlüsse über die tiefenpsychologischen Aspekte der Persönlichkeit ziehen. Nach der Analyse fügt der Graphologe die gewonnenen Erkenntnisse in ein Gesamtbild ein, die im Gutachten, für den Auftraggeber verständlich, dargelegt werden.

Wer ein graphologisches Gutachten in Auftrag gibt, sollte mindestens eine Seite Originalschrift, möglichst frei geschrieben, mit Unterschrift, also keine Kopie, abgeben. Der freie Text gibt Aufschluss über die bewussten und unbewussten Vorgänge im Menschen. In der Unterschrift offenbart der Schreiber, wie er gern wäre und wie er sich nach Außen darstellt. Daneben benötigt der Graphologe Angaben über Alter, Beruf und Geschlecht des Urhebers. Die Altersangabe ist wichtig, da der Graphologe sieht, ob die Schrift dem Alter angemessen ist. Wenn ein 40-jähriger noch sehr an der Schulvorlage hängt, so kann dies auf Entwicklungsverzögerung hindeuten. Ebenso wie junge Erwachsene bereits sehr gekonnte, abgeschliffene Schriftzüge haben können, die auf beträchtliche geistige Reife hindeuten. Angaben über den Beruf sind insofern von Bedeutung, da verschiedene Berufe ihren typischen Ausdruck in der Schrift finden. Gestaltete Skriptschriften von Architekten unterscheiden sich sehr von großer girlandenförmiger Schrift mancher Krankenschwester. Bei Grundschullehrern finden wir meist schulmäßige Buchstabenformen, denn sie üben an der Tafel die Ausgangsschrift mit ihren Schülern ein. Die Angabe über das Geschlecht wird benötigt, da sich typische Frauen- von typischen Männerschriften unterscheiden. Frauen schreiben im Allgemeinen größer, weiter, mit runderen Formen und großer Mittelzone, Männer dagegen kleiner, verknappter, mit mehr Betonung der Ober und Unterlängen. Da sich heutzutage die Geschlechter in ihren Aufgabenbereichen immer mehr angleichen, finden wir bereits viele Männerschriften, die Frauenschriften ähneln und umgekehrt.

Wo wird die Graphologie eingesetzt?
Wenn Sie mehr über sich erfahren wollen, Ihre Stärken und Schwächen, Ihre geistige Veranlagung, Ihr Selbstwertgefühl und Ihr Wirken auf Andere, können Sie ein graphologisches Persönlichkeitsgutachten in Auftrag geben. Das graphologische Gutachten kann auch bei der Berufs- oder Studienfindung hilfreich sein. Es gibt Auskunft über die Richtung der Begabungen und der geistigen Fähigkeiten. Ein Betriebsgutachten wird von Firmen in Auftrag gegeben. Personalchefs befragen den Graphologen bei der Bewerberauslese oder bei personalen Umstellungen im Betrieb. Auch treten Firmen an den Graphologen heran, um sich über die Zusammensetzung von Arbeitgruppen beraten zu lassen. Immer wider geben Paare ein Gutachten in Auftrag, wenn sie wissen wollen, ob sie zusammenpassen oder wie sie ihr Zusammenleben besser gestalten können.

Sz 2008

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Handschriften deuten – Was das Schriftbild über uns verrät Von Dr. Stefan Brunner

Zeige mir, wie du schreibst und ich sage dir, wer du bist. Nach diesem Motto werden in der Graphologie Sätze, Wörter und Buchstaben analysiert. Heraus kommt ein Gutachten, das Personalleitern bei der Bewerberauswahl helfen kann oder einem Psychologen wichtige Hinweise liefert. Die Deutung der Schrift dient aber auch dem besseren Selbstverständnis.

Claudia Caspers dreht das Blatt nach links, dann nach rechts. Konzentriert sitzt sie an ihrem rot umrandeten Glastisch und versucht, sich einen Gesamteindruck über die vorliegende Schriftprobe zu verschaffen. Die Graphologin hat den Auftrag, ein psychologisches Gutachten zu erstellen.

Ihr geübter Blick gilt zuerst dem Raumbild des Textbeispiels. Sie kategorisiert die Schrift, erfasst die Dehnung der Wörter und die Größe der Buchstaben. Das ergibt die ersten Anhaltspunkte für die Schriftanalyse. So zählen Kleinschreiber eher zu den ängstlichen Menschen, Großschreiber hingegen treten selbstsicher in den Vordergrund. Caspers achtet auch auf die Abstände zwischen Wörtern und Zeilen, auf die Übersichtlichkeit und das Einhalten von textfreien Rändern. Um dieses Merkmal zu begutachten legt die Graphologin das Geodreieck an und zieht mit ihrem fein gespitzten Bleistift eine vertikale Linie.

Während der rechte Rand für das Du in uns steht, für die Hinwendung zur Außenwelt, repräsentiert der linke Rand das Ich. Ist dieser breit, dann deutet das auf Großzügigkeit und ästhetisches Empfinden des Schreibers hin. Ein schmaler oder gar fehlender Abstand zwischen Text und Blattrand geht oft mit Vorsicht und Sparsamkeit einher.

Claudia Caspers ist eine der jüngsten Graphologinnen im deutschsprachigen Raum. Die 31-jährige hat im Hauptfach Philosophie studiert, Psychologie und Betriebswirtschaft in den Nebenfächern. Die Ausbildung zur Graphologin absolvierte sie über mehrere Jahre hinweg, studienbegleitend einmal pro Woche. Dazu belegte sie Blockveranstaltungen bis sie schließlich mit der Prüfung des Berufsverbandes erfolgreich abschloss. Damit reihte sie sich in die überschaubare Gruppe mehrerer hundert Graphologen in unserem Land ein. Eine exakte Zahl gibt es nicht, denn der Titel ist nicht geschützt.

Misstrauen gegen ihren Berufsstand will Claudia Caspers aber nicht aufkommen lassen. “Völlig daneben wird ein guter Graphologe nie liegen”, erklärt sie. “Es kann höchstens passieren, dass die Gewichtung mal nicht ganz stimmt.”

Der geschulte Graphologe äußert keine groben Verdachtsmomente, unterteilt nicht überhastet, sondern analysiert sorgfältig und baut seine Argumentation Stück für Stück auf. Viele Einzelmerkmale unserer Schrift werden geprüft, in Gruppen zusammengefasst und wie kleine Mosaiksteine zu einem Psychogramm zusammengesetzt. Einen Charakterzug würde der professionelle Graphologe nicht auf ein einzelnes Merkmal zurückführen. Erst wenn ein Diagnosedetail mehrfach belegt ist, findet es Erwähnung im Gutachten.

So wird die Schriftprobe von Claudia Caspers akribisch vermessen, Auffälligkeiten werden rot, grün und blau markiert. Die Graphologin betrachtet die Zeilen. Sind sie miteinander verhäkelt? Das stünde für “unklare Beziehungen, Unselbständigkeit, distanzloses Sichanhängen, Kontaktabhängigkeit sowie für einen Mangel an Selbständigkeit und persönlichen Konturen”, wie Dr. Heinz Dirks in seinem Standardwerk “Die Handschrift” formuliert. Ein zu großer Abstand könnte indes ein Indiz für einen Einzelgänger mit Kontaktstörungen sein.

Claudia Caspers prüft die Buchstabenlängen nach oben und nach unten. Dominieren sie nach unten, könnte dies für ein betontes materielles oder finanzielles Interesse stehen. Die Orientierung nach oben korreliert eher mit Vielseitigkeit und Kritikfähigkeit.

Auch der Verlauf der Zeile bildet Grundlage für weitere Rückschlüsse. Eine Zeile, die sich am Ende senkt, steht für ein eher gedämpftes Gemüt. Zeilen, die nach oben weisen, sind eine Metapher auf eine ebenso nach oben strebende, optimistische Persönlichkeit. Menschen, die sich an Linienvorlagen halten, ordnet man übrigens Disziplin, aber auch eine gewisse Unselbständigkeit und Unsicherheit zu.

Die Seele zwischen den Zeilen
Eine Handschrift hat sich über lange Jahre entwickelt. Sie spiegelt daher auch weniger die Stimmungen des Augenblicks wieder als vielmehr langfristige Einstellungen, Prägungen und Charakterzüge. Kein Häkchen, kein Bogen und keine Verzierung mogeln sich zufällig in unsere Schrift. Jedes Detail hat seine Geschichte und wird vom Graphologen aufgespürt.

Der Experte demontiert oberflächliche Schönschreiber und enthüllt tief liegende psychische Muster. Die Münchner Graphologin Ruth Grosse schreibt in ihren Gutachten von “Oppositionslust”, “unterschwelligen Selbstzweifeln” und der “Herrschaft des Verstandes”. Doch mit psychologischen Resümees habe man hauszuhalten, mahnt sie. “Man sollt selbst eine Psychoanalyse erlebt haben, bevor man als Graphologe tiefenpsychologisch urteilt.”

Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Ruth Grosse als Graphologin. Unter anderem erstellt sie Gutachten zur Eignung von SOS-Kinderdorf-Müttern. Geweckt wurde ihr Interesse an der Schriftanalyse, als sie im Starnberger Max-Planck-Institut für Carl Friedrich von Weizsäcker arbeitete. Handschriftlich verfasste Briefe prominenter Zeitgenossen türmten sich auf ihrem Schreibtisch. “Ich wollte immer so gern wissen, wie diese Menschen in Wirklichkeit sind.” Also ließ sie sich in dieser Wirklichkeitsfindung ausbilden und wurde Graphologin.

Ein wenig besorgt blickt sie heute auf ihre Branche. Allmählich entschwinde ihr die Arbeitsgrundlage. Warum? “Na, wegen des Computers!” Sie sehe immer häufiger, “wie 30-Jährige heute nicht mehr schreiben können”. Die Schriftexpertin bezieht sich hierbei weniger auf die Textinhalte, sondern vielmehr auf die Ausprägungen der Schriften.

Merkmale mit doppeltem Sinn
Ludwig Klages, der als Begründer der deutschen Graphologie firmiert, veröffentlichte 1916 sein Standardwerk “Handschrift und Charakter”. Er postuliert darin die Doppeldeutigkeit aller Schriftmerkmale. So steckt etwa in der Art der Buchstabenverknüpfung ein Hinweis auf die Intelligenz eines Schreibers. Doch aus dieser Linienführung lässt sich nicht nur “Logik”, sondern auch “Flüchtigkeit” herauslesen. Ob letztlich die positive oder die negative Ausprägung überwiegt, hängt schließlich von der Konstellation aller Merkmale ab. Von einem Interpretationsspielraum spricht auch Claudia Caspers. Das Kindliche in der Schrift eines alten Mannes ließe zum Beispiel zwei Deutungen zu. Es könnte einerseits die Schrift “eines alten Menschen sein, der sich seine kindliche Seele bewahrt hat. Oder auch eines alten Menschen, der sehr kindisch ist.”

Nachdem Claudia Caspers das Raumbild der Schriftprobe erfasst hat, betrachtet sie das so genannte Bewegungsbild. Dazu gehören die Verbundenheit, das Schreibtempo, der Schreibdruck, die Regemäßigkeit, die Strichbildung und die Strichrichtung, also die Ausrichtung der Schrift: Weist sie nach links oder nach rechts oder steht sie gerade – im Fachdeutsch: “steil” – also nach oben?

Rechtslage steht für Zielstrebigkeit. Und je bewegter die Schrift ist, desto mehr Spontaneität mag man dem Schreiber zuordnen. Linkslage wird als Zurückhaltung, Steillage als Disziplin interpretiert. Die Graphologin fährt die Schrift mit einem hellen Stift nach. “Das mache ich, weil ich wissen will, wie sich diese Schrift anfühlt. Sie fühlt sich sehr zügig an.”

Nach Raum und Bewegung ist noch das Formbild der Schrift zu bewerten. Da geht es um Völle (wenn der Buchstabe weit um sich greift), Magerkeit (wenn die Rundungen verengt sind), Formfestigkeit (gleichmäßiger Bewegungsablauf) und Bindungsform (die Art der Buchstabenverbindungen). Tolerant ist laut Ludwig Klages, wer seine Buchstaben mit Girlanden verbindet – das sind Bogen in U-Form. Verschlossen ist hingegen, wer Arkaden schreibt – Bogen in gekippter U-Form. Ein Beispiel hierfür ist die Schrift Wladimir Putins.

Claudia Caspers lehnt sich entspannt zurück. Zwei DinA-4-Seiten und drei Stunden hat sie für die Erfassung und Analyse gebraucht. Drei Stunden, um der Schrift ganz auf den Grund zu gehen. Jetzt packt die Graphologin Lineal, Stift und Lupe zurück in die Schublade und macht sich daran, das Gutachten zu schreiben – mit dem Computer.

Lebensentwicklungen beeinflussen die Schrift
Die Schrift verändert sich im Laufe des Lebens. Wilhelm Helmut Müller und Alice Enskat schreiben dazu in ihrem Buch “Graphologische Diagnostik”: “Wir wissen von uns selbst, dass wir als junge Menschen anders geschrieben haben als nach 10 oder 20 Jahren. Und wir wissen, dass Schriften von sehr alten Menschen häufig auffallende Veränderungen zeigen. Aber wir kennen auch Menschen, deren Schriften man manchmal kaum wieder erkennt, die also auch in kürzeren Zeiträumen recht unterschiedlich schreiben.”

Manche Menschen verändern ihre Schrift auch ganz bewusst, schreiben gekünstelt, weil sie sich davon eine bessere Außenwirkung versprechen. Oder jemand versteckt sich hinter einer Norm, indem er die Druckschrift wählt. Damit geht das Individuelle verloren. Dem Graphologen fällt allerdings gleich auf, wenn jemand den Versuch unternimmt, mittels einer so genannten Maskenschrift darzustellen, was er gar nicht ist.

Ein gutes Beispiel ist die Unterschrift. Oft verbirgt sich in ihr, was der Mensch gerne wäre. In der Unterschrift kommt die offizielle Seite zum Ausdruck: Da will jemand zeigen, wie er von außen gesehen werden will. Im Fließtext dagegen sieht man dann, wie er wirklich ist. Die beiden Schriften sollten möglichst nicht voneinander abweichen.

Der Graphologe ist gefordert, hier sorgfältig zu differenzieren und seinen Handlungsspielraum zu erkennen. Der Lebensphilosoph und Psychologe Ludwig Klages zog den Graphologen klare Grenzen: Nicht zu erkennen sind das Geschlecht, das Alter, der Beruf, Krankheiten, Genialität und eventuelle Kriminalität. Auch nicht, ob Ehepartner zusammenpassen. Ein paar Grundinformationen müssen die Paare, Firmen und andere Interessierte, die den Graphologen aufsuchen, also schon mitbringen.

Die Handschrift ist eine “Gehirnschrift”
Noch bis vor kurzem dozierte Dr. Helmut Ploog an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität über die Psychologie der Schrift. Mittlerweile beschränkt sich der promovierte Betriebswirt auf seine Tätigkeit als Vorsitzender des Berufsverbandes geprüfter Graphologen. Klein ist das Buch, das der 68-jährige geschrieben hat. Doch es bündelt auf 120 Seiten die grundlegenden Erkenntnisse der Graphologie und stellt Bezüge zu Forschern aus der ganzen Welt her. BIO wollte von Dr. Ploog wissen, wie er die Möglichkeiten moderner Schriftdeutung sieht.

Wie kamen Sie auf die Graphologie?
Helmut Ploog: Vor vielen Jahren habe ich mir selbst ein Gutachten erstellen lassen – es hat mich stark beeindruckt, dass man aus meiner Handschrift so vieles ableiten konnte.

Die Diagnose damals traf also zu?
Helmut Ploog: Ja, auf erstaunliche Weise: Ich war noch sehr jung, hatte gerade die Mittlere Reife gemacht, und der Graphologe wollte bereits wissenschaftliche Neigungen in meiner Schrift erkennen. Er sollte Recht behalten, denn auf dem zweiten Bildungsweg kam ich schließlich an die Hochschule und promovierte.

Wie sind Sie damals auf Ihren Graphologen aufmerksam geworden?
Helmut Ploog: Ganz einfach: Durch eine Anzeige in der Zeitung.

Ist das der typische Weg?
Helmut Ploog: Heute nicht mehr. Im Internetzeitalter geht man einfacherweise auf die Homepage des Berufsverbandes geprüfter Graphologen. Dort findet man Adressen von zertifizierten Experten.

Was heißt zertifiziert?
Helmut Ploog: Wir haben hier eine Ausbildung im Fernunterricht – das sind zweimal zehn Monate. Nachdem man darüber hinaus 30 Übungsgutachten erstellt hat, wird man zur Prüfung des Verbandes zugelassen. Wir haben jährlich zwischen 20 und 30 Teilnehmer, die ein Zertifikat erhalten.

Aus welchen beruflichen Bereichen kommen Ihre Absolventen?
Helmut Ploog: Das sind vor allem Juristen, Pädagogen und Mediziner. Auch Psychotherapeuten profitieren von der Graphologie. An Hand der Patientenschrift lassen sich Veränderungen und Fortschritte im Rahmen einer Therapie erkennen. Außerdem haben sie beispielsweise die Möglichkeit, Schriften aus dem Umfeld des Patienten zu bewerten: Wie sind Freunde, Kollegen und verwandte, und inwiefern weicht das graphologisch ermittelte Psychogramm von der Wahrnehmung des Patienten ab. Auch Lehrern bietet die Graphologie Möglichkeiten von unschätzbarem Wert: Ihnen liegen ja unendlich viel Schülerhandschriften vor, aus denen sie gut Ängste und andere Störungen erkennen können.

Lässt sich für eine kindliche Handschrift denn schon ein klares Urteil fällen?
Helmut Ploog: Etwa ab dem zehnten Lebensjahr ist es möglich, Aussagen zu treffen. Auf Kinderschriften muss sich ein Graphologe aber spezialisieren.

Jede Schriftausprägung hat eine negative und eine positive Seite. Es muss schwer sein, hier immer richtig zu liegen…
Helmut Ploog: Das stimmt, man braucht viel Übung, man muss viele Schriften sehen.

Zweifel, ob die Schrift wirklich die Psyche spiegelt, gibt es nicht?
Helmut Ploog: Nein, auf die Handschrift kann man sich verlassen. Die Handschrift ist eine Gehirnschrift. Selbst wenn jemand mit dem Fuß schreibt, sind Rückschlüsse möglich.

Welche Bedeutung hat es, ob der Schreiber Links- oder Rechtshänder ist?
Helmut Ploog: Diese Information muss man uns Graphologen vorab geben. Denn wenn ein Linkshänder zwanghaft umerzogen wurde und deshalb heute mit rechts schreibt, dann ist die Schrift eventuell gestört. Diese Störung könnte man fälschlicherweise auf den Charakter beziehen. Es gibt übrigens Linkshänder, die legen ihr Blatt so schief auf den Tisch, dass eine rechtsschräge Schrift entsteht. Eine Schrift, die von der eines Rechtshänders nicht zu unterscheiden ist. In diesem Fall kann man die bewährten graphologischen Maßstäbe anlegen.

Nehmen wir den Ausländer, den Chinesen etwa, der erst später im Leben die lateinische Schrift erlernt hat. Wie verhält es sich hier mit dem Schriftbild?
Helmut Ploog: Die Schriften aus Mutter- und erlernter Sprache ähneln sich. Zeilenabstände, Links- oder Rechtslage – diese Merkmale kommen in beiden Schriftvarianten vor. Um allerdings Textbeispiele etwa von Thailändern, Arabern oder eben Chinesen wirklich gut analysieren zu können, muss man die entsprechende Schrift beherrschen.

Inwiefern ist die Kultur des Schreibenden in die Begutachtung einzubeziehen?
Helmut Ploog: Der kulturelle Kontext sollt bekannt sein. Nehmen wir die Wende als Beispiel: Die Schrift der Menschen aus der DDR war viel angepasster, sehr brav und nah an der Schulvorlage – das war systembedingte Unterordnung.

Was die Schriften Prominenter verraten
Welche prominente Handschrift fällt Ihnen spontan ein?
Helmut Ploog: Die von Hillary Clinton, sehr ausdrucksstark. Sie hätte absolut das Zeug zur Präsidentin. Ihre Schrift ist originell, sehr eigengeprägt, weicht weit ab von der Schulform und liegt deutlich über dem amerikanischen Durchschnitt.

Andere auffällige Schriften?
Helmut Ploog: Wladimir Putins Schrift zum Beispiel. Er schreibt diese Arkaden-Kringel, die nach oben geschlossen sind. Das ist leitbildlich für sein ganzes Leben. Er versteckt vieles und gestaltet Dinge undurchsichtig – das passt zu seiner ehemaligen Tätigkeit im Geheimdienst. Bezeichnend sind auch die Schleifen in seiner Schrift, die nach links gehen. Dinge, die in der Schrift nach links weisen, zeigen zum Ich. Typisch für Menschen, die egozentrisch und sehr auf den eigenen Vorteil bedacht sind.

Und die Schriften von Künstlern? Gibt es da etwas Übergeordnetes, etwas Verbindendes?
Helmut Ploog: In der Schrift von Komponisten und Dirigenten spürt man die Musik, die Rhythmik, die Ästhetik. Das Geschriebene von Malern sieht dagegen ganz unterschiedlich aus. Auch Schriftsteller haben nicht Einheitliche – da gibt es eben die Fleißigen und die Kreativen. Das ist wie bei den Schachspielern, die einen sind Strategen, die anderen Überraschungsangreifer.

In welche Kategorie gehörte die Schrift des kürzlich verstorbenen, legendären Schachgenies Bobby Fischer?
Helmut Ploog: Seine Schrift war chaotisch, so wie auch sein ganzes Leben.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Ploog.

Zeig mir deine Schrift und ich sage dir, wer du bist
Von Christoph Eberle

Die Handschrift – ein Spiegel der Persönlichkeit. Fachleute können sie entschlüsseln.
Graphologe Dr. Helmut Ploog analysiert auch Schriften von Prominenten wie die von Angela Merkel und Papst Benedikt XVI.

Daniel B. sitzt am Computer und schreibt Bewerbungen. Nach dem Abitur will der 21-Jährige aus Waldkirchen eine Ausbildung bei einem großen bayerischen Arbeitgeber beginnen. Das Anschreiben ist fertig. Nun folgt der Lebenslauf – Geburtsort, Schullaufbahn, Praktika und so weiter. Das Ganze zwei Mal, denn neben dem tabellarischen fordert das Unternehmen auch ein handgeschriebenes Exemplar. Zwar besteht heutzutage nur noch ein Bruchteil der deutschen Firmen auf die mit Kuli oder Füller verfasste Kurzbiografie, ausgestorben ist dieser Bewerbungsteil aber auch in Zeiten von PC und Internet nicht. “Warum aber will das Unternehmen eine Schriftprobe von mir?”, fragt sich Daniel B. Rechnen muss der junge Mann auf alle Fälle damit, dass seine Bewerbung nicht nur inhaltlich genauer unter die Lupe genommen wird. Einen ersten Eindruck wird sich der Personalchef sicher vom Schriftbild machen – wirkt es sauber und ordentlich oder eher chaotisch? Möglicherweise reicht er den Lebenslauf sogar an einen Profi weiter und lässt ihn graphologisch untersuchen. Firmen, die das machen, versprechen sich davon, mehr über ihre Bewerber zu erfahren.

Wer seine Schrift schönt, tut sich keinen Gefallen
Laut Dr. Helmut Ploog, Vorsitzender des Bundesverbandes geprüfter Graphologen/Psychologen ist die Handschrift prall gefüllt mit Hinweisen zu Charakterzügen und innerem Verhalten. Diese lassen sich sogar im wahrsten Sinne des Wortes zwischen den Zeilen herauslesen, denn der Zeilenabstand ist eines der vielen Kriterien, die Graphologen in ihre Bewertung einfließen lassen. Weitere markante Merkmale sind etwa Schrifthöhe, Verbundenheit der Buchstaben, Regelmäßigkeit, Verschnörkelungen oder Vereinfachungen. Daniels nach rechts geneigter Schrift würde ein Fachmann wohl Kontaktfreude und Aufgeschlossenheit zuordnen. Für seinen Ausbildungsberuf wäre das schon einmal positiv, schließlich hat er in diesem Job mit Menschen zu tun und muss rund zweihundert Kilometer weg von seinem Heimatort – wenn er da offen für Neues ist, schadet das auf keinen Fall.

In der Regel untersucht der Graphologe das Originalschriftstück, denn es spielt auch eine Rolle, wie fest der Schreiber seinen Stift aufs Papier drückt – ob eher schwach und zaghaft oder fast schon mit roher Gewalt. Auf einer Kopie wäre das nicht möglich. Den Vorteil der Graphologie gegenüber anderen Methoden zur Bewerberauslese, wie Assessment-Center und Eignungstest, sieht Helmut Ploog darin, dass die Handschrift unverfälschter ist. Die Aufgaben bei Auswahlverfahren seien stets ähnlich strukturiert. Durch mehrmalige Teilnahme oder mit Übungsmaterial könne man sich da eine gewisse Routine und einen Vorteil gegenüber anderen Bewerbern antrainieren. “Bei der Handschrift geht das nicht”, so Ploog. “Wer fälscht, tut sich keinen Gefallen.”

Probiert man absichtlich schöner zu schreiben, wirken die Buchstaben in der Regel langsamer und man drückt den Stift stärker aufs Papier als sonst. Für die Analyse der Persönlichkeit sind diese Merkmale eher negativ – die langsame Schrift könnte beispielsweise als Hang zur Trödelei interpretiert werden. Davon abgesehen ist es äußerst schwierig, das falsche “Ich” überhaupt lange durchzuhalten. “Am Anfang kann man sich möglicherweise noch verstellen, aber mit der Zeit fällt man immer mehr in sein eigenes Schema zurück”, erklärt Graphologin Claudia Caspers aus Oberschleißheim. Auf einem Extra-Blatt probiert es Daniel aus, seine Schrift zu verstellen, und tatsächlich: Schon nach ein paar Zeilen scheint sein normales Schriftbild wieder durch.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die eigene Bewerbung vom Experten Buchstabe für Buchstabe untersucht wird, ist hierzulande relativ gering. “In Deutschland lassen nur rund zehn bis 15 Prozent der Firmen die Schrift ihrer Bewerber analysieren”, schätzt Helmut Ploog. Franzosen und Schweizer setzen mehr Vertrauen in diese Methode – bei Führungspositionen ziehen dem Verbandsvorsitzenden zufolge sogar bis zu 80 Prozent der Unternehmen, vom mittelständischen Betrieb bis zum großen Konzern, solche Untersuchungen zu Rate.

Wer Lebensläufe analysieren lässt, hängt das laut Ploog aber nicht gern an die große Glocke. Die Kosten einer graphologischen Untersuchung liegen für Firmen bei etwa 250 Euro. Für Privatleute ist das Gutachten günstiger – rund 200 Euro muss man hier rechnen. Kunden sind beispielsweise Eltern, die herausfinden wollen, ob ein bestimmter Studiengang zu ihrem Kind passt, aber auch Paare, die vorhaben zu heiraten.

Unterschrift zeigt, wie man sein möchte
Mittlerweile ist Daniel B. fertig mit seinem Lebenslauf. Fehlt nur noch die Unterschrift. Zum einen als korrekter Abschluss für den Curriculum Vitae, zum anderen als wichtiger Bestandteil der graphologischen Analyse. Solo lässt sich die handschriftliche Unterzeichnung aber nicht beurteilen. “Die Unterschrift zeigt nicht, wie man ist, sondern wie man sein möchte. Für die Deutung der Schrift reicht sie nicht aus”, sagt Ploog. Nun rein ins Kuvert mit dem Lebenslauf zu den anderen Unterlagen. Umschlag zu und ab die Post zum potenziellen künftigen Arbeitgeber. Und von dort aus möglicherweise auf den Schreibtisch des Graphologen.

Wie wird man Graphologe?
Die Bezeichnung “Graphologe” ist nicht geschützt. Grundsätzlich könnte sich daher jeder so nennen. In der Regel erfolgt die Ausbildung zum Graphologen aber als Fernlehrgang über Verbände, wie den Berufsverband geprüfter Graphologen/Psychologen. Auf Anfrage schickt der Verband Lehrmaterial zu. Inhalt sind neben den Merkmalen der Schrift auch psychologische Grundlagen. Zur Vertiefung des Stoffes bietet der Verband Seminare und Tagungen an. Nach zwei bis drei Jahren Ausbildung und einer Zwischenprüfung erfolgt die Abschlussprüfung. Mindestvoraussetzung für die Teilnahme an der Ausbildung ist die abgeschlossene mittlere Reife.

Der elastische Strich – Eine Graphologin erzählt

OSTFILDERN. Schrift sei Körpersprache auf feinmotorischer Ebene, sagt Christa Hagenmeyer. Personalchefs von Unternehmen vertrauen dem Rat der Graphologin, vor allem wenn es um die Einstellung von Führungskräften geht.

Es gibt Handschriften, die findet Christa Hagenmeyer wenig prickelnd. Bei anderen kommt sie geradezu ins Schwärmen. Wie bei der von Papst Johannes Paul II.: “eine fast zierliche, hoch durchgeistigte Schrift, sie vibriert regelrecht vor Rhythmus.” Es gebe Machertypen, die breiteten sich förmlich auf dem ganzen Papier aus. Beim Papst sei das anders. “Der hatte das nicht nötig.”

Christa Hagenmeyer ist eine sorgfältige Frau. Der Parkettboden in ihrem Arbeitszimmer ist nach Jahren immer noch kratzerfrei. Jedes kleine Ding scheint seinen angestammten Platz zu haben, die geschnitzte Heiligenfigur neben dem alten Cembalo. Grafologie sei keine rein intellektuelle, ordnende Angelegenheit, sagt sie. “Man muss sehen lernen.”

Mit Schriften hatte sie immer zu tun. An der Universität Heidelberg beschäftigte sich die promovierte Philologin mit Handschriften mittelalterlicher Fachliteratur. Fast ehrfürchtig erzählt sie von dem Codes Manesse, einer 700 Jahre alten Sammlung mittelhochdeutscher Lyrik, den sie schon in Händen halten durfte. Später als Lehrerin gehörten die Handschriften von Gymnasiasten in Ostfildern, wo sie Deutsch, Geschichte, Ethik und Psychologie unterrichtet hat, zu ihrem Metier. “Der Umgang mit Handschriften war mein täglich Brot”, sagt sie. Da lag die Graphologie nahe. Ein Handwerk, das manche mit Skepsis sehen.

Seit ihrer Pensionierung betreibt die 66-Jährige eine graphologische Praxis in Ostfildern. Sie ist im Vorstand des Berufsverbandes geprüfter Graphologen, der Deutschen Graphologischen Vereinigung sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Europäischen Gesellschaft für Schriftpsychologie.

Die meisten ihrer Kunden findet man in der Personalabteilung von Firmen. Unternehmen vertrauen bei der Besetzung von neuen Stellen, vom Lehrling bis zum Betriebsleiter, auf ihren fachmännischen Rat. Sie arbeite gern für mittelständische Betriebe, die noch von den Inhabern geführt werden, sagt sie. Da sei das Interesse an den künftigen Mitarbeitern am größten. Aber auch Konzerne mit mehreren tausend Beschäftigten lassen sich von ihr beraten, vor allem bei der Einstellung von Führungskräften. Dass sie dabei die Bewerber nicht persönlich kennen lernt, sieht sie nicht als Nachteil. “Viele verstehen es, durch zahlreiche Kurse geschult, sich glänzend darzustellen.” Bei einer Schriftprobe hingegen gebe es kaum Möglichkeiten, sich zum eigenen Vorteil zu verstellen. Ein Täuschungsversuch ist rasch entlarvt. “Viele strengen sich an, besonders schön zu schreiben, das Ergebnis ist ein verzerrtes, unstimmiges Bild.” Die Spontanschrift sei da am ehrlichsten. Manchmal kämen Paare, die wissen wollten, ob sie zusammenpassen. Das Schriftbild als Indikator für Eheharmonie. Letztlich könnten ihre Gutachten nur ein Mosaikstein und vielleicht das ausschlaggebende Quäntchen für Entscheidungen sein, sagt Hagenmeyer. “Meine Empfehlungen runden das ganze Bild ab.”

Wie beim Vorstellungsgespräch zählt auch bei der Graphologie zunächst der erste Eindruck, die “Anmutung”, wie sie sagt. Sie schaut sich das beschriebene Blatt Papier einige Zeit an, lässt “das Schriftbild in seiner Komplexität” auf sich wirken und legt es wieder weg. Nach mehreren Stunden nimmt sie es nochmals zur Hand, sucht dann nach beherrschenden Merkmalen, die eigentliche Analyse beginnt. Das kann eine extrem nach rechts geneigte Schrift sein – “der Reiter auf dem Pferd, der die Welt erobert”. Das können auch abfallende Zeilen sein, “Menschen mit Durchsetzungsvermögen halten eher die Linie.” Das können sehr tiefe Unterlängen etwa bei p oder g sein, die eine “starke Ausprägung des Triebhaften” wahrscheinlich machten.

Wer Chef sein will, sollte zügig schreiben und damit Willenskraft erkennen lassen. “Aber wenn einer nur aus Willen besteht, ist es auch nichts.” Ein angehender Außendienstler zeigt seine Flexibilität und Kontaktfreudigkeit durch einen elastischen Strich und geschickter Verknüpfung der Buchstaben. Jedes Einzelmerkmal zählt. Wie schwingt jemand ein Wort aus: reicht er im übertragenen Sinn seinem Gegenüber noch die Hand oder bricht er abrupt ab – basta. Kann er Nähe zulassen oder ist das Blatt von Lücken zwischen Buchstaben, Wörtern und Zeilen durchzogen, “Sandbänke” wie der Graphologe sagt. Schreibt er ein Blatt randlos zu, oder kann er sich und bestenfalls auch anderen Raum lassen. Schreibt er sorgfältig oder kaum lesbar, ist er ein verspielter Typ und reichert seine Wörter mit Schnörkeln an, schreibt er groß oder klein, rund oder zackig? Wie viel Druck verwendet er? “Eine Schrift ist ein Relief”, sagt Christa Hagenmeyer. Für ein Gutachten benötigt sie deshalb immer die Originale – keine Kopien und auch kein Fax.

Schließlich werden alle Merkmale “abgewogen, miteinander in Diskussion gebracht und mit dem Stellenprofil abgeglichen.” In eine Gesamtbetrachtung fließe auch ein, ob jemand etwa für die Schriftprobe einen Wirtschaftstext oder eine Stelle aus dem Alten Testament abschreibt, welches Papier er verwendet – “manche nehmen Bütten, das wirkt nicht angemessen” – oder auch womit er schreibe. “Je höher die Position, desto selbstverständlicher ist der Füller.”

Die ersten Beobachtungen zur Handschrift sind aus der Antike überliefert. So äußerte sich bereits der römische Schriftsteller Sueton über die Schrift Caesars. Das 16. Jahrhundert gilt als Beginn der individuellen Schriftentwicklung, Paradebeispiel ist die markante Handschrift Martin Luthers. Begründer der heutigen Graphologie ist der französische Abbé Michon mit seinem 1875 verfassten “Système de la Graphologie”. Auch in Deutschland habe sich seit der Jahrhundertwende eine große graphologische Tradition entwickelt, sie sei von den Nazis zerstört worden und durch die Amerikanisierung auch nach dem Zweiten Weltkrieg schwach geblieben, sagt Christa Hagenmeyer, “in den USA hat die Graphologie keinen Platz.” Anders in Frankreich, Italien und Belgien, wo heute 80 Prozent der Firmen Graphologen beauftragen. In Deutschland gebe es dagegen kaum Kollegen, die allein von diesem Beruf leben könnten.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Graphologie auch zunehmend mit der Tiefen- und Entwicklungspsychologie verknüpft. Christa Hagenmeyer zeigt das Blatt eines Professors, dessen Schrift fast wie die eines Kindes anmutet. “Er hat sich nie von der Schulvorlage frei machen können, ein Zeichen für wenig Reife.” Auch Zeitgeist und Wertewandel kämen in der Handschrift zum Ausdruck. Die strenge Hierarchie früherer Gesellschaften fände ihr Pendant in fast sklavisch-regeltreuen Schriftbildern, heute gebe es individuellere Schriften. Christa Hagenmeyer holt eine Schriftprobe des Industriellen Hugo Stinnes (1870-1924) aus einem Ordner. Es lässt selbst Laien einen dirigistischen, rigiden Führungsstil erahnen. Heutige Managerschriften seien weicher, lebendiger, sagt sie.

Sie verlangt von potenziellen Managern neben der Handschriftenprobe auch eine Unterschrift. Oft gebe es Unterschiede zwischen beiden. So begutachtete sie jüngst einen Bewerber, dessen Schriftbild sehr verkrampft wirkte. Die Unterschrift hingegen kam locker und flott daher. “Die Textschrift zeigt, wie der Mensch ist”, sagt die Graphologin, “die Unterschrift zeigt eher, wie er gerne sein möchte.”

Von: Robin Szuttor

Heimliche Botschaften

Der Füller setzt auf dem Papier auf, das erste Wort erscheint. Schwungvoll, elegant, nicht zu verschnörkelt geschrieben. Schön, oder? Trifft leider fast nie auf die eigene Handschrift zu. Einkaufszettel versehen wir per Kuli mit kryptischen Zeichen, die Notizen auf dem Schreibtisch können auch in Kisuaheli abgefaßt worden sein. Das Leben ist fürs Schreiben zu kurz geworden, Schreiben bedeutet Zeit, Zeit ist Geld, und überhaupt.

Damit verlieren wir ein Stück unseres persönlichen Ausdrucks. Nicht zufällig kann uns eine geduckte und unleserliche Handschrift so unsympathisch sein wie ein Mann, der sich im Bus mit weit gespreizten Beinen gegenüber hinsetzt. In der Schule haben wir zwar alle die gleichen Buchstaben gelernt, doch mit der Zeit nehmen sie eigene Formen an – und verraten Charakter und Stimmung. Schummeln unmöglich: Wer aufgeregt ist, hat nicht nur ein Tremolo in der Stimme und spricht plötzlich lauter, sondern schreibt auch flattrig mit übergroßen Lettern.

In Ostasien spricht man von der Tuschespur des Herzens: Die Worte von frisch Verliebten sind plötzlich offener, Arbeitstiere schreiben ihren Nachnamen größer als ihren privaten Vornamen, und wer unglücklich ist, der läßt nicht nur Schultern, sondern auch die Zeilen hängen. Und: Wenn eine Frau ihren Vornamen betont und der angenommene Nachname des Mannes wirkt, als seien die Buchstaben zu heiß gewaschen worden, sollte sie sich vielleicht überlegen, ob er der Traumprinz ist. Liebe offenbart sich nämlich anders.

Handschriften sind so vielfältig wie Gesichter. Die eine sieht aus, als sei ein Insekt mit definitiv zu vielen Beinen durch einen Tintenklecks gelaufen, die andere wirkt, als ob eine durchgeknallte Eiskunstläuferin endlos Pirouetten auf dem Papier gedreht hätte. Ganz zu schweigen von der Schrift, die sich nach links neigt – vor deren Urheber haben uns schon unsere Eltern gewarnt.

Die Wissenschaft der Graphologie, die sich mit der Deutung der Handschrift befaßt, gilt in Deutschland nicht viel. So haftet der Schriftpsychologie, wie die Wissenschaft auch genannt wird, immer der Ruch der Scharlatanerie an. Die Berufsbezeichnung Graphologe ist nicht geschützt, jeder Feierabend-Psycho-Heini darf sich so nennen, seine Meinung verbreiten und so den Ruf seriöser Graphologen untergraben. Gut ausgebildete Graphologen brauchen mehr als nur ein scharfes Auge. Ist die Schrift eng oder weit? Ist sie linkslastig oder steil, verhaken sich die Zeilen, oder fallen sie ab? Mehr als zwanzig Merkmale prüfen sie vor dem Urteil. Über Fakten wie Alter, Geschlecht und Kontostand gibt die Handschrift keine Auskunft. Überraschenderweise verrät sie nicht mal, ob mit links oder rechts geschrieben wurde. In die schnöden Linien und Punkte fließt aber durch die Bewegung unser Temperament ein, der Wille und die Zuverlässigkeit. “Deswegen”, erklärt Dr. Helmut Ploog, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Graphologen, “kann man ohne psychologische Kenntnisse auch kein seriöses Gutachten erstellen.”

Graphologie ist eine Gratwanderung. Schreibt jemand die Anfangsbuchstaben eines Wortes und lange Lettern die “l” und “h” genauso groß wie die kleinen Buchstaben “a” und “o”, steht das für innere Ruhe und Zufriedenheit. Ebenso kann das aber auch bedeuten, daß diese Person über den Esprit einer Nacktschnecke verfügt. Darum kommt es immer auf die Kombinationsgabe des Graphologen an. Ebenso doppeldeutige Interpretationen lassen die Merkmale für Kreativität zu. Ploog: “Die erkennt man an besonders originell gestalteten Buchstaben.” Klingt einleuchtend, heißt aber nicht, daß Sie jedes “M” und “E” ab sofort zu einer barocken Freskenmalerei gestalten sollten, denn gerade übertrieben große und verschnörkelte Anfangsbuchstaben deuten darauf hin, daß es sich bei der Schreiberin um eine eitle Tussi handelt – das erkennt sogar der Laie intuitiv.

Auch auf die grauen Zellen des Schreibers lassen sich Rückschlüsse ziehen. Dr. Ploog: “Intelligenz zeigt sich daran, daß die Schrift klein, vereinfacht und besonders wegkürzend verbunden ist.” Wegkürzend verbunden heißt, daß sie bei der g-Schleife gleich nach rechts zum nächsten Buchstaben übergeht. Oder die i-Punkte mit dem nächsten Buchstaben verschmelzen. Wer jetzt seinen Filzi zückt und in den nächsten Monaten fleißig Wegkürzungen übt, um einen besonders cleveren Eindruck zu machen, kann sich die Mühe sparen. Genauso gut können Sie versuchen, Ihre Schmunzel-Fältchen um zwei Zentimeter zu versetzen oder ab sofort nur noch in C-Dur zu lachen. Denn nicht das schnöde Üben verändert die Handschrift, sondern nur das Leben – und dessen rasantes Tempo: Wir schreiben seltener und immer nachlässiger.

Große Bedeutung hat daher die eigene Unterschrift. Wenn wir heute überhaupt noch etwas per Hand schreiben, dann meist unseren Namen. Für Graphologen ist die Unterschrift deswegen interessant, weil der Namenszug verrät, wie wir uns darstellen möchten, die Textschrift hingegen zeigt, wie wir wirklich sind. Da kann die Unterschrift noch so pompös ausfallen, das wahre Ich steht auf einem anderen Blatt.

Nichts ist verführerischer, als die Handschrift des Mannes unter die Lupe zu nehmen, dem man sein Herz geschenkt hat. Guter Plan mit einem winzigen Haken: Die Chance, daß in zwei Wochen der Weltfrieden ausbricht, ist größer, als in freier Wildbahn einen attraktiven Kalligraphen zu treffen. Kurz: Männer haben meist eine Sauklaue – weil sie durch ihre Unlesbarkeit einzigartig und unangepaßt wirken möchten. Leider offenbaren sie damit auch, daß in ihnen eine kindliche Ader und eine gewisse Rücksichtslosigkeit stecken könnte. Außerdem liegt vielen Männern an einer schönen Schrift genauso wenig wie an Klöppelarbeiten. Und: Hat ein Mann eine wohl geformte Schrift, will man ihn vermutlich eh nicht, denn wahrscheinlich kauft er täglich frische Blumen und schreibt darüber dadaistische Gedichte.

Wer es genau wissen will, schnappt sich seinen Liebesbrief, geht zum Experten und läßt ein Partnergutachten erstellen. Ploog: “Man kann erkennen, ob jemand einen schwierigen Charakter hat und ob die Unterschiede zwischen zwei Partnern sehr groß sind.” Blöd nur, daß ein Gutachten satte 200 Euro kostet und eine Glücksgarantie leider nicht mitgeliefert wird. Und, seien wir ehrlich: Letztlich würden wir uns auch in jemanden verlieben, der wie ein Fünfjähriger krakelt. (Wiebke Borcholte)

Was die Graphologie leisten kann und was nicht

Sie schreiben klein und eng? Die Buchstaben “g” und “p” hängen bei Ihnen irgendwie immer tief nach unten durch, während das “t” und das “h” oben ein wenig verkümmern? Zudem driftet Ihre Schrift latent nach links und ist insgesamt recht kleinwüchsig geraten? Lassen Sie das bloß keinen Graphologen sehen! Er könnte Sie für einen triebgesteuerten, gehemmten Menschen mit Komplexen und leichtem Hang zur Depression halten.

Wer schreibt, verrät sich. Oft mehr als einem bewusst ist. Denn nicht nur was der Autor formuliert, sondern vor allem wie er es zu Papier bringt, ermöglicht einen Blick in seine Psyche und Persönlichkeit. Schreiben ist nichts anderes als Körpersprache, sagen die so genannten Graphologen oder Schriftpsychologen – nur feinmotorischer. Die Schrift sei eine Art Ausdrucksspur, ein unverfälschtes Charakterzeugnis, so individuell wie ein Fingerabdruck, weswegen graphologische Gutachten vor Gericht eingesetzt werden, um zu prüfen, ob ein Testament echt ist, oder manchen Personalentscheidern helfen, den richtigen Kandidaten für einen Job herauszufiltern.

Aber funktioniert das tatsächlich? Was ist dran an dem Mythos, dass Menschen anhand ihrer Unterschrift auf Geschäftsbriefen, ihres Gekritzels auf Notizzetteln oder handschriftlich verfasster Glückwünsche durchschaubar sind?

Die Methode wird in Deutschland seit Langem praktiziert, kommendes Jahr wird sie 110 Jahre alt – und bleibt dennoch umstritten. Die Lehre der Schriftanalyse gilt vielen als esoterische Kaffeesatzleserei, als Hokuspokus – an den man, ähnlich wie die Astrologie, glauben kann oder eben nicht. Die Graphologie ist nicht einmal eine anerkannte Wissenschaft, obwohl der aus dem Griechischen stammende Begriff (“Lehre von der Bedeutung der Handschrift”) genau dies unterstellt. Vielmehr ist die Schriftanalyse eine untergeordnete Disziplin der Psychologie, angesiedelt in der Persönlichkeitsdiagnostik, eine Art Röntgenapparat für weiche Charaktereigenschaften.

Mit ihrem Instrumentarium versuchen die Schriftpsychologen herauszufinden, wie leistungsfähig, ausgeglichen, reif, selbständig oder kollegial ein Mensch ist. Zwar lässt sich damit Intelligenz nicht quantifizieren, ebenso wenig handwerkliches Geschick, spezifische Reaktionen etwa bei Stress, Fachwissen oder sexuelle Neigungen. Dafür lassen sich damit, so die Überzeugung der Schriftgelehrten, selbst kaschierte oder unbewusste Facetten der Persönlichkeit aufdecken. “Die meisten Bewerber wissen doch, wie sie sich im Assessment verkaufen oder was sie zum Vorstellungsgespräch anziehen müssen”, sagt die Stuttgarter Schriftpsychologin und 2. Vorsitzende der Deutschen Graphologischen Vereinigung, Birgit Eckert, 51.

Schummeln sei dabei unmöglich, sagt sie. Denn wer versucht, seine Handschrift zu verstellen, schreibt automatisch steiler, langsamer, druckstärker und verliert an Spontaneität. Das erkennen geübte Graphologen sofort. Was diese Kunst den Objekten ihrer Anwendung unsympathisch macht: Wer hat schon Lust, sich seinem Arbeitgeber in spe seelennackt zu offenbaren?

Für Franziska Köppe war das kein Problem. Die 30-jährige Marketingmanagerin musste schon bei zwei Arbeitgebern Schriftproben abgeben, um ihren Traumjob zu ergattern. Beide Male waren es mittelständische Familienunternehmen mit über 1000 Mitarbeitern, zuletzt der Automationstechnik-Hersteller Pilz in Ostfildern bei Stuttgart. In beiden Fällen hatte Köppe zunächst eine Bewerbung eingesandt, die erste Vorstellungsrunde bestanden und war schließlich unter die drei Finalisten gelangt. “Der Personaler fragte mich dann, ob ich bereit wäre, noch eine Schriftprobe für ein Gutachten abzugeben”, erzählte die Kauffrau. Länge: eine DIN-A4-Seite, Text frei wählbar, geschrieben auf unliniertem Papier, mit Kuli oder Füller. Sie willigte ein.

Geprüft werden sollte, was in der Ausschreibung stand – also wie durchsetzungs- und teamfähig, belastbar, zuverlässig und kommunikationsstark sie ist. Offenbar war sie es, denn sie bekam beide Male den Job. Als sie die Gutachten später las, war sie überrascht, wie “treffsicher” (Köppe) die Schriftgutachter nicht nur ihre persönlichen Stärken, sondern auch einige Schwächen entziffert hatten. “Beruflich geschadet hat mir das nicht”, sagt sie. Im Gegenteil: Die Rückmeldungen haben ihr geholfen, ihre Wirkung auf andere “besser zu verstehen”.

Für ein Gutachten brauchen Graphologen mehrere Quellen. Zuerst eine ganzseitige Schriftprobe mit Unterschrift. Wer aus weniger seine Schlüsse zieht, arbeitet den Regeln der Zunft zufolge unseriös. Zusätzlich benötigen die Gutachter Daten über den Schreiber, zum Beispiel Alter und Geschlecht sowie ob er Links- oder Rechtshänder ist. Das lässt sich aus der Schrift nicht erkennen, ist aber wichtig für die Interpretation. Meist benötigen die Gutachter zudem Informationen über Ausbildung und den derzeitigen Beruf des Untersuchten sowie das Anforderungsprofil für den Job. Denn geprüft wird nur, was den Auftraggeber interessiert.

Danach beginnt die eigentliche Analyse : Wie ist das Gesamtbild der Schrift? Ist sie klar oder krakelig? Flink oder zögerlich? Fleckig oder trocken? Statisch oder zittrig? Gleichmäßig oder schwankend? Dieser erste grobe Eindruck liefert den Graphologen wichtige Indizien über die Persönlichkeit und das Temperament des Autors. Anschließend geht es ins Detail: Die Größenverhältnisse der Anfangsbuchstaben werden genauso untersucht wie der Schreibrhythmus, ob alle Buchstaben eines Wortes miteinander verbunden sind oder nur Teile davon, ob die Buchstaben mager oder voll wirken, ob sie sich nach links oder rechts neigen, wie stark mit dem Stift aufgedrückt wurde und wie groß die Wortabstände sind.

Zum Schluss die Unterschrift: Verrät das Anschreiben, wer der Verfasser ist, so offenbart seine Signatur, wer er gerne wäre und wie er sich nach außen darstellt. Sie entlarvt seinen Ehrgeiz und sein Selbstbewusstsein, etwa durch übergroße Anfangsbuchstaben oder betonte Endungen.

“Insgesamt gibt es 20 Einzelmerkmale die wir unterscheiden”, sagt Helmut Ploog, 65, Vorsitzender des Berufsverbandes geprüfter Graphologen/Psychologen und Dozent an der Psychologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Ganz eindeutig sind diese Merkmale allerdings nicht. Eine nach links geneigte Schrift kann genauso von Zurückhaltung zeugen wie von übermäßigem Kontrollbedürfnis, während eine rechtsschräge Schrift meist bedeutet, dass der Verfasser der Welt zugewandt ist. Eventuell ist er aber auch impulsiv und unbesonnen. “Einzelmerkmale sind nie eindeutig”, sagt die Lehrbeauftragte für Schriftpsychologie an der Universität Leipzig, Gabriele Schmidt, 51. “Erst mit einiger Erfahrung und im Kontext mit anderen Kennzeichen kann man eine sichere Diagnose stellen.”

Dabei spielt es keine Rolle, ob einer eine Sauklaue hat, unleserliches Krickelkrakel zu Papier bringt oder auffallend schön schreibt. Entscheidend sind vielmehr die Größenverhältnisse der so genannten Ober-, Mittel- und Unterlängen innerhalb einzelner Worte sowie ob jemand seine Lettern mit Schnörkeln schmückt oder grundsätzlich oben oder unten auf der Zeile beginnt. Ein Narzisst beispielsweise zeichnet sich meist durch übergroße Anfangsbuchstaben sowie auffällig linkslastige Schleifen aus; teamunfähige Menschen dagegen schreiben oft unregelmäßig, eigenwillig bis hin zu Unleserlichkeit häufig in Form spitz auslaufender Bewegungen.

Solche psychologischen Rechtschreibregeln lassen sich ebenso zu einem Idealbild stilisieren. Der perfekte Manager müsste laut Ploog so schreiben: druckstark (steht für Tatkraft und Belastbarkeit), die Buchstaben vereinfacht (Blick fürs Wesentliche), aber originell verbunden (Logik). Dazu eine einheitliche Rechtsneigung, die Zielstrebigkeit und Konsequenz verrät. Vor allem Gleichmäßigkeit sei für Manager “enorm wichtig”, sagt Ploog, denn starke Links-Rechts-Schwankungen stehen für Entschlussschwäche.

Schriftgutachten werden nicht nur für Manager erstellt, sondern häufig auch für Elektroingenieure oder Softwareentwickler. Ein professionelles, bis zu drei Seiten umfassendes Gutachten kostet im Schnitt zwischen 150 und 300 Euro. Das ist immer noch vergleichsweise günstig. Die in Ausleseverfahren vorherrschenden Assessment-Center sind mit rund 2000 Euro pro Führungskraft und rund 1200 Euro pro Jobeinsteiger deutlich teurer. Trotz dieses Vorzugs wenden nur wenige Unternehmer die Schriftproben an oder bekennen sich gar dazu, wie etwa Bertelsmann-Matriarchin Liz Mohn, die es “beeindruckend” findet, “wie treffsicher diese Methode zur Persönlichkeitserkennung ist”.

Auch Jens Brandenburg, 57, Partner der Personalberatung Brandenburg & Partner in Düsseldorf, schaltet “im Zweifel” einen Graphologen ein, allein schon um “mehr Sicherheit zu haben und manche Eigenschaften präziser zu sehen”. Insgesamt hat der gelernte Anwalt und Ex-Manager schon über 100 Schriftgutachten in Auftrag gegeben, meist für Top-Manager, Vertriebs- und Einkaufsleiter oder Technische Direktoren.

“Nach unseren Interviews wissen wir zwar oft, woran wir bei dem Kandidaten sind. Aber manche Charakterzüge bleiben dennoch unklar”, sagt Brandenburg. So erinnert er sich gut an einen Verkaufsleiter, der ausnehmend freundlich und glatt auftrat. Das käme bei diesem Typ Mensch zwar häufig vor – der Personalberater aber wollte wissen, ob der Verkäufer auch das nötige Rückgrat besitzt, ob er sich vor seine Mitarbeiter stellen würde, wenn es darauf ankommt, ob er diszipliniert arbeiten kann. “In den Gutachten steht dann kein windelweiches Blabla”, sagt Brandenburg, sondern auch mal ein harsches Urteil wie “für diese Position nicht geeignet”.

Ihre Wurzel hat die Disziplin in Frankreich. Jedenfalls die gewerbliche. Die Erkenntnis, dass man an der Schrift “die Natur und Eigenschaften des Verfassers erkennt” formulierte bereits 1622 der Italiener Camillo Baldi in einem Traktat. Mit der Wende zum 20. Jahrhundert kam die neue Lehre schließlich auch nach Deutschland. In München entdeckte zunächst die Schwabinger Bohème das Deuten von Manuskripten als neuen Zeitvertreib. 1896 gründete hier auch Ludwig Klages, der vorher Chemie studiert und Gedichte verfasst hatte, gemeinsam mit dem Bildhauer Hans Hinrich Busse und dem Psychiater Georg Meyer die Deutsche Graphologische Gesellschaft. Später orientierte sich die Graphologie zunehmend am tiefenpsychologischen Menschenbild von Carl Gustav Jung und Sigmund Freud. In den Sechzigern erlebte das Fach eine kurze Blüte: Es wurde erstmals an Psychologie-Lehrstühlen gelehrt und geprüft, unter anderem in Freiburg bei Professor Robert Heiß.

Danach allerdings orientierte sich die Psychologie zunehmend an der Forschung in den USA, während die Graphologie in Deutschland von Künstlern und Wissenschaftlern gleichermaßen betrieben wurde. Zu ihrem Schaden: Bis heute ist die Schriftdeutung ein ungeschütztes Handwerk. Jeder Quacksalber, der nicht mehr als einen Volkshochschulkurs besucht hat, kann sich Graphologe nennen und Jobeinsteiger oder Ehepartner in spe auf ihre Passgenauigkeit begutachten.

Das zweite große Handicap: Die Disziplin verfügt weder über eine kontrollierte, empirische Forschung noch über ein e einheitliche Ausbildung. Gut 80 Prozent des angewendeten Wissens stammen aus der graphologischen Gründerzeit “Das zentrale Problem der Graphologie liegt in der schlechten Validität”, klagt der Organisationspsychologe Uwe Kanning, 39, von der Universität Münster. Vergleicht man massiv psychisch gestörte Menschen mit unauffälligen Probanden, so lassen sich deutliche Unterschiede in der Handschrift feststellen.

Allerdings ist dieses Ergebnis ziemlich banal, denn die psychische Störung lässt sich in der Regel auch ohne graphologisches Gutachten leicht diagnostizieren. “In der Personaldiagnostik geht es jedoch um Differenzen im Normalbereich des menschlichen Verhaltens”, sagt Kanning.

Die wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen dazu liefern “keine zufriedenstellenden Ergebnisse”, räumt auch der renommierte Stockholmer Psychologe und geprüfte Graphologe Teut Wallner, 82, ein, der zahlreiche Studien dazu verfasst hat. So kämen verschiedene Gutachten über eine Person durchaus zu übereinstimmenden Ergebnissen. Kritiker monieren zudem, dass nicht erkennbar sei, ob die Qualität der Gutachten auf die Graphologie oder auf die soziale Intelligenz der Schriftanalysten zurückzuführen sein. Dass diese durchaus eine Rolle spielt, räumen selbst die Schriftdeuter ein. Denn nicht alle Merkmale lassen sich messen. Einige, wie Schreibrhythmus, Ebenmaß oder Originalität der Buchstaben, müssen die Graphologen “schätzen”, gibt Schriftexperte Ploog zu, “und das ist für viele Wissenschaftler ein Problem”.

Nicht nur für die. Auch bei Personalern hat die Disziplin nicht das beste Ansehen und wird kaum noch genutzt. Auch deshalb, weil sich heute bereits über 50 Prozent aller Arbeit Suchenden elektronisch via Internet oder E-Mail bewerben und die restlichen Bewerbungsmappen zu 99 Prozent aus dem Drucker stammen – Schriftauswertung unmöglich. Die Graphologen selbst schätzen, dass hier zu Lande nur eine Minderheit von zehn Prozent der Unternehmen ihren Analysen trauen. Zum Vergleich: In Frankreich sind es weit über 50 Prozent. Ebenso in der Schweiz.

Was auch an der Ausbildung liegt. Qualitätswächter sind in Deutschland keine Hochschulen, sondern allein die drei großen Verbände, der Berufsverband geprüfter Graphologen/Psychologen (BGG/P) in München, die Deutsche Graphologische Vereinigung (DGV) in Heidelberg und der Fachverband Deutscher Graphologen (FDG) in Lüneburg. Mitglieder sind darin aber gerade mal rund 120 “geprüfte” Graphologen. Vermutlich werden die Clubs deshalb bald fusionieren.

Die Graphologie ist ein aussterbender Beruf. “Die Alten sterben weg und Junge kommen kaum nach”, beklagt die Bielefelder Graphologin und FDG-Vorsitzende Rosemarie Gosemärker, 67, den biologischen Mitgliederschwund. Das Gros der deutschen Schriftgelehrten ist weit über 50 Jahre als, die meisten sind Frauen, die über soziale Berufe oder als Psychologinnen zu dem Handwerk gekommen sind. Für junge Leute ist der Beruf unattraktiv.

Wer sich seriös zum Graphologen ausbilden lassen will, muss mit mindestens drei Jahren kalkulieren. In dieser Zeit gehen die Eleven bei einem Graphologen in die Schule, absolvieren parallel Seminar, Wochenend- und Fernkurse bei einem der drei Verbände und verfassen unter Aufsicht ihres Mentors bis zu 100 Gutachten. Als krönender Abschluss gilt schließlich die Prüfung bei einem namhaften Verband.

Eine der wenigen, die davon leben können, ist die Leipziger Graphologin Gabriele Schmidt, die den Beruf seit über zehn Jahren ausübt. Eigentlich habe sie Naturwissenschaften studiert, erzählt sie, doch über einen privaten Kontakt zu einer Schriftpsychologin wurde sie von dem Metier so fasziniert, dass sie noch zu DDR-Zeiten bei ihr in die Schule ging. Heute schreibt sie rund 30 Gutachten im Monat. Ihre Auftraggeber stammen alle aus dem Westen, da im Osten kaum noch ein Unternehmen einstelle. Die meisten sind inhabergeführte Mittelständler, die sie anrufen, wenn Managementposten besetzt werden sollen, sagt Schmidt.

Wobei sie vor allem dann beauftragt wird, wenn ein Personaler ein mulmiges Gefühl bei einem Kandidaten hat. “Jedes Verfahren hat seine eigenen Messfehler”, räumt auch Graphologie-Kritiker Kanning ein. “Da macht’s am Ende die Kombination aus mehreren Methoden.”

So sind graphologische Tests nach Ansicht des Münchner Schriftpsychologen Ploog vor allem darin erfolgreich zwischen Führungskräften zu unterscheiden – “und solchen, die es sein wollen”. Ab einem bestimmten Hierarchieniveau könne man schließlich die Leute nicht mehr in Rollenspiele oder Assessments schicken. Einer seiner Auftraggeber habe etwa von einem Bankmanager, den er nach Moskau entsenden wollte, wissen sollen, wie ehrlich und psychisch stabil der Mann ist. Ploog: Das können Sie in keinem Interview erfragen.”

Schriftgutachten sind “für uns nur ein Mosaikstein in der Bewerbung”, bestätigt auch Elmar Leitermann, Personalchef beim Automationstechnikhersteller Pilz, der Schriftgutachten seit über drei Jahren bei allen Einstellungen, vom Lehrling bis zur Führungskraft, einsetzt. In fünf Prozent der Fälle kommt es sogar vor, dass die Gutachten Eigenschaften aufdecken, die im Interview verborgen blieben. “Allerdings”, sagt Leitermann, “besprechen wir mit jedem Kandidaten die Ergebnisse der Analyse”.

Das ist ein freiwilliger Akt. “Einen rechtlichen Anspruch, sein Gutachten hinterher einzusehen, gibt es nicht”, sagt der Düsseldorfer Arbeitsrechtler Michael Kliemt. Wer eine Schriftprobe abgibt, sollte wissen, worauf er sich einlässt. Denn womöglich untersucht der Gutachter dabei nicht nur den Charakter, sondern auch die Gesundheit. So zeigen jüngste Forschungen einen Zusammenhang zwischen Handschrift und neurologischen Krankheiten – noch bevor klinische Symptome auftreten. Patienten mit Zwangsneurosen beispielsweise schreiben dann plötzlich sehr klein. Ebenso Parkinson-Kranke, die den Stift zudem langsamer führen. Während sich Alzheimer bereits früh durch unruhige Schrift mit wechselnden Tempophasen abzeichnet.

Aber manche Dinge will man vielleicht auch gar nicht wissen, wenn man schon den Job nicht bekommt.

DER TEST
Was taugen graphologische Gutachten wirklich? Die WirtschaftsWoche hat dazu einen kleinen, nicht wissenschaftlichen Test durchgeführt und zwei Schriftproben von sehr unterschiedlichen Menschen von zwei angesehenen Graphologen begutachten lassen, die nicht wussten, um wen es sich dabei handelt. Die Analysen wurden von mehreren guten Bekannten der Betroffenen wie von ihnen selbst als “sehr zutreffend” bezeichnet. Hier die vollständigen Statements der Graphologen zu den Probanden:

Testperson 1: Mann, Ende 50
“Bei dem Schreiber handelt es sich um einen hochintelligenten Menschen, der seine Energie zu starker Entschlusskraft bündelt. Bei großer Denkweite beobachtet er genau, erfasst die Sachverhalte objektiv und kommt so zu selbstständigen Urteilen. Er denkt sowohl abstrakt als auch konkret, in der Regel sogar sehr präzise. Seine besondere Stärke liegt jedoch in seiner enormen Assoziationsleichtigkeit, die als hohe synthetische Intelligenz einen Blick für Zusammenhänge ermöglicht, die von vielen anderen Menschen nicht gesehen werden.

Eine weitere Besonderheit ist, dass er vorsichtig und detailgenau agiert, also durch die vielseitige Aufgeschlossenheit im Denken nichts an Genauigkeit verliert. Dabei ist er konsequent auf Wesentliches konzentriert, kritisch im Denken und rasch im Erstellen von Konzepten.

Was seinen Arbeitseinsatz betrifft, so ist er ein Workaholic, der ein hohes Leistungs- und Durchhaltevermögen beweist bei gelegentlich impulsiven Reaktionen. Sein Ideenreichtum und sein lebhaftes Temperament machen ihn ungeduldig, eventuell eigenwillig und auch hartnäckig. Er ist von seinen Projekten voll überzeugt und stets mit dem Herzen dabei. Als intensiver und zweckmäßiger Arbeiter zählen für ihn Ergebnisse. Für seine Mitarbeiter ist er nicht immer voll berechenbar und nicht alle werden ihm sofort folgen können. Zudem ist er bei seinem ausgreifenden Intellekt gelegentlich leicht ambivalent, weil er zu viele Möglichkeiten sieht. Auch lässt er es an Härte und Konsequenz im Durchsetzen seiner Vorstellungen nicht fehlen. Insgesamt eine kantige Persönlichkeit von hoher Individualität, die im Bereich der Teamarbeit vor allem mit der Anpassung anderer rechnet”.

(Helmut Ploog, geprüfter Schriftpsychologe und Vorsitzender des Berufsverbandes Geprüfter Graphologen/Psychologen sowie Dozent an der Psychologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München)

Testperson 2: Mann, Ende 50
“Der Handschrift nach wirkt der Autor psychisch deutlich jünger als er ist. Das ist nicht nur bedingt durch seine unbeeinträchtigte vitale Basis, sondern vor allem durch die Tendenz zur Idealbildung, welche immer eine noch frei spielende psychische Energie voraussetzt. Diese jugendliche Fähigkeit bestimmt sein persönliches Colorit und dürfte sich auf mehreren Ebenen auswirken.

Zunächst hat der Schreiber ein hohes Ich-Ideal entwickelt, dem er nachzuleben trachtet. Dazu gehören im Kontaktbereich eine überaus liebenswürdige Haltung und perfekte Manieren. Die betonte Konzilianz im Umgang hat auch damit zu tun, dass ihm uneingeschränkte Wertschätzung seitens seiner Umgebung wichtig ist. Glaubwürdig werden diese Komponenten im Kontaktbereich aber erst durch die emotionale Wäre, Ausstrahlung und Herzlichkeit dieses Mannes. Er ist freundschaftsfähig und von großer Konstanz im Verhalten. Die Zugewandtheit im Kontakt sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Schreiber im Grunde sehr auf seinen eigenen Standpunkt bezogen bleibt, insofern als er sich auch hinsichtlich seiner Lebensziele und Prinzipien an ausgeprägten Wertmaßstäben und Idealbildern orientiert. So wird es triftige Argumente brauchen, um ihn von einmal gefassten Meinungen und Plänen abzubringen, in der privaten Sphäre ebenso wie in der beruflichen. Auch Kritik an seinen Vorstellungen nimmt er, wenn überhaupt, nur ungern zur Kenntnis. Die positive Seite der Fixierung des Schreibers aufs Eigene ist die Verlässlichkeit im Denken und Handeln. Wohl stellt er entschiedene Anspräche, bevor er sich tiefer einlässt. Eine Aufgabe muss langfristige Befriedigung versprechen und auch im Sinne der Selbstverwirklichung sinnstiftend für ihn sein. Findet er jedoch einmal nach grünlicher Prüfung die maßgebenden Voraussetzungen erfüllt, bindet er sich tief gehend und übernimmt Verantwortung.

Welcher Aufgabe er sich auch immer verpflichtet – er wird sie mit Sorgfalt und großem Durchhaltewillen ausführen. Trotz seinen ästhetischen Bedürfnissen bleibt genug Raum für sachlichen Kalkül und Aufmerksamkeit für das Gesamtgeschehen. Fantasie und Weitblick gehen eine glückliche Verbindung ein, sodass mit ausdauernder fruchtbarer Tätigkeit zu rechnen ist.”

(Esther Dosch, Diplom-Graphologin der Schweizerischen und Europäischen Graphologischen Gesellschaften und Fachpsychologin)

Was die Schrift über den Schreiber verrät.
Eine Schönschrift ist wie ein hübsches Kleid: Sie kann vieles kaschieren. Graphologen greifen deshalb lieber auf Manuskripte in der persönlichen Alltagsschrift zurück. Kaum zu deuten ist auch die Druckschrift. Sie ist zu unpersönlich. Alles andere aber entlarvt den Autor. Egal, ob unleserliches Gekritzel oder Schreibschrift – am meisten achten die Schriftpsychologen auf die so genannte obere, mittlere und untere Zone. Die Mittelzone ist der Bereich, in dem die Kleinbuchstaben m, n oder e liegen, die beiden anderen Zonen bilden die der Buchstaben b, d, h, k, l und t, beziehungsweise g, j, p, q und y. Betonte Oberlängen verraten den Schriftgelehrten intellektuelle Interessen und wie begeisterungsfähig der Autor ist. Sind sie verkümmert, wird das als geistige Faulheit ausgelegt. In der Mittelzone wiederum drückt sich das Selbstwertgefühl des Schreibers aus. Je ausladender die Schrift, desto größer sein Ego. Ausgeprägte Großschreiber können stolz, großmütig oder aufgeblasen sein, andererseits auch voller Taten- und Freiheitsdrang. Aus den Unterlängen schließen die Schriftgutachter auf die Triebe sowie die materiellen und praktischen Interessen des Autors. Verkürzte Unterlängen zeigen wenig Durchsetzungskraft, innere Zurückhaltung sowie mangelnden Antrieb an. Ein weiteres wichtiges Merkmal sind die Bindungsformen, also wie einzelne Buchstaben verbunden werden. Die Graphologen unterscheiden dabei zwischen Arkade, Girlande, Winkel und Faden. Eine Arkade ist die bogenförmige Wölbung, wie sie etwa im Buchstaben “m” vorkommt. Weil sie oben geschlossen ist, symbolisiert sie Verschlossenheit und Zurückhaltung. Ein Arkadenschreiber ist schwer aus der Reserve zu locken und gibt nur ungern sein Innenleben preis. Das Gegenstück dazu ist die Girlande, also wenn das “n” wie ein “u” aussieht. Girlandenschreiber sind aufgeschossene, kontaktfreudige, freundliche Menschen. Allerdings ist die Ausprägung entscheiden: Ist die Girlande weit und kelchförmig, gibt der Autor sein Wissen gerne weiter, ist sie eng und tief, kann das genauso für einen gehemmten Eigenbrötler sprechen.

Winkelschreiber wiederum malen ihre Konsonanten eher als Zickzacklinien. Wer so schreibt, gilt als willensstark, entschlossen und durchsetzungsstark – manchmal aber auch als verbohrt und unduldsam. Von Fadenschriften spricht man, wenn die Buchstaben “m” und “n” als einfacher, waagrechter Strich (Faden) erscheinen. Fadenschreiber sind oft Opportunisten – sie drücken sich gern vor schweren Entscheidungen, bleiben vage und versuchen, ohne größere Anstrengung ans Ziel zu kommen. Im Extrem sind sie intrigant und verschlagen. Ein drittes Kriterium ist die Schräglage. Eine überwiegend nach links geneigte Schrift wird als Selbstbezogenheit und Selbstbeherrschung interpretiert. Rechtsschrägschreiber dagegen gelten als warmherzig, ungezwungen und kontaktfreudig. Sie können sich aber auch durch Unbeständigkeit und mangelnde Disziplin auszeichnen. Schreiber, deren Handschrift senkrecht im Lot steht, gelten als besonnene nüchterne Menschen mit wenig Temperament – bis hin zur Teilnahmslosigkeit.

Der Wortabstand zeigt viel über die Haltung des Autors. Klaffen große Lücken zwischen den Worten, spricht das für dessen geistige Klarheit, eine große Übersicht und genügend Abstand zu Dingen und Menschen. Im Extremfall aber auch für Kontaktprobleme, vielleicht sogar Vereinsamung. Enge Wortzwischenräume dagegen finden sich oft bei Menschen, die sehr emotional bis chaotisch sind. Ihnen fehlt häufig die sprichwörtliche Distanz.

Mit den Anfangs- und Endbetonungen schließlich drückt der Schreiber sein Geltungsbedürfnis aus. Wer beispielsweise seine Wörter mit ausladenden Schnörkeln oder übergroßen Buchstaben beginnt, dokumentiert damit Stolz, Elan und Einsatzfreude – allerdings auch den Wunsch nach Größe, Anerkennung und Überlegenheit. Sind die Wortanfänge verkümmert, offenbart sich dagegen Bescheidenheit, Zurückhaltung, eventuell auch Unsicherheit, Zurückhaltung, eventuell auch Unsicherheit. Die Endbetonung wiederum spricht für einen willensstarken Menschen mit Hang zur Opposition. Er besitzt in der Regel wenig Taktgefühl – ganz im Gegensatz zu Schreibern, deren Wortenden ruhig und klein auslaufen. Sie sind meist gute Diplomaten, sind aber auch leicht beeinflussbar.

Warum Schriftanalysen in Frankreich gang und gäbe sind.
Stellungnahme des Frankreichkorrespondenten der Wirtschaftswoche Gerhard Blaeske:

Das Urteil eines Graphologen kann zuweilen hart ausfallen: “Der Kandidat hat ein schwach ausgebildetes Selbstbewusstsein und ist psychisch zerbrechlich”, wurde einem ansonsten positiv beurteilten Bewerber attestiert. Klaus Herterich, seit mehr als 30 Jahren deutsch-französischer Personalberater in Paris, hatte den Kandidaten vorgeschlagen und wollte der Sache auf den Grund gehen: Im persönlichen Gespräch gab der Bewerber zu, dass er seit Jahren täglich 80 Kilometer mit dem Auto zur Arbeit fuhr und deshalb massiv unter Stress stand. Er war psychisch angeschlagen und verwundert, dass das in seiner Schrift so deutlich herauskam.

Schriftgutachten spielen in Frankreich bei der Bewerberauswahl in den Unternehmen seit jeher eine wichtige Rolle und sind – im Gegensatz zu Deutschland – durchweg üblich und anerkannt. Allerdings kriselt es in der Branche. Angelsächsische Auswahlverfahren, der Kostendruck in den Unternehmen, vor allem aber die zunehmenden Bewerbungen via E-Mail und Internet verdrängen auch in Frankreich die Graphologie. “Das Internet hat die Bewerbung revolutioniert”, sagt Christian Dulcy, Vizepräsident der renommierten Société Francaise de Graphologie (SFDG). Während Bewerbungen in Frankreich traditionell aus einem handschriftlichen Anschreiben und zwei Seiten Lebenslauf bestanden, müssen Graphologen heute “immer häufiger Schriftproben extra anfordern”, sagt Dulcy.

Insgesamt sinkt die Bedeutung der Graphologie. Noch 1999 griffen 95 Prozent der Unternehmen “gelegentlich” auf graphologische Gutachten zurück, 50 Prozent bedienten sich der Schrift sogar systematisch. Heute sind es nach Angaben von Claude Toffart-Derreumaux, Präsidentin des Verbandes Groupement des Graphologues Conseils de France (GGCF), nur noch “mehr als 50 Prozent” der Unternehmen, die die Graphologie ab und an nutzen, Parallel hat sich auch die Zahl der Schriftgutachter auf derzeit rund 2000 aktive halbiert.

Die Gründe für die im internationalen Vergleich immer noch hohe Bedeutung der Schriftanalyse sind vielfältig. Frankreich ist zum einen die Wiege der gewerblichen Graphologie. Der Begriff stammt von dem Geistlichen Jean-Hippolyte Michon, der ihn um 1870 aus den griechischen Wörtern graphein (schreiben) und logos (Kunde, Bedeutung) zusammenfügte. Michons “Méthode pratique de Graphologie” von 1878 gilt noch heute als Standardwerk. Michon war es auch, der die SFDG gründete. Ursprünglich wurde die neue Lehre vor allem bei der Wahl des richtigen Berufes angewendet. Ebenso bei potenziellen Heiratspartner. Zur Akzeptanz der Graphologie wesentlich beigetragen hat aber ein Gerichtsverfahren. Durch einen Schriftvergleich konnte 1906 die Unschuld des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus nachgewiesen werden, der 1894 wegen angeblicher Spionage für Deutschland zu lebenslanger Verbannung verurteilt worden war. Dreyfus wurde rehabilitiert. Hinzu kommt, dass in Frankreich Schrift und Schriftbild seit jeher eine wesentlich größere Bedeutung haben als in Deutschland. Auf eine “schöne” und in deutschen Augen verschnörkelte Schrift wird großer Wert gelegt – sie wird in der Grundschule, aber auch in den weiterführenden Schulen benotet. Formale Fehler können zu deutlichen Notenabzügen führen. Bis heute müssen in Frankreich vor Gericht einige Dokumente handschriftlich vorgelegt werden. Einen weiteren Grund sieht Toffart-Derreumaux schließlich darin, dass in Frankreich bereits früh auf nationaler Ebene ein strenges und strukturiertes Ausbildungssystem für Graphologen entwickelt wurde. Die Diplome von SFDG und GGCF waren bis in die Siebzigerjahre staatlich anerkannt.

Entsprechend arbeiten neben vielen freiberuflichen Kollegen auch einige Graphologen heute direkt in den Personalabteilungen von Unternehmen. Die Einkommen der Freiberufler indes variieren stark. Dulcy etwa kommt auf einen Umsatz von etwa 220.000 Euro im Jahr. Ein Spitzensatz. Die Mehrheit muss mit weitaus weniger auskommen. Die Stundensätze liegen in der Regel bei 120 Euro für private Analysen und bis zu 130 Euro für Unternehmen.

Insgesamt gibt es bis zu zehn Berufsverbände, einige haben jedoch nur regionale Bedeutung. Am renommiertesten ist die Ende des 19. Jahrhunderts gegründete SFDG, die auch vierteljährlich eine Fachzeitschrift herausgibt mit einer Auflage von rund 5000 Exemplaren.

Obwohl graphologische Analysen bisweilen erheblich am Selbstbewusstsein der Kandidaten kratzen können, werden sie von französischen Bewerbern als selbstverständlich betrachtet. Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass sie über die Anfertigung einer Schriftanalyse informiert werden müssen und Anspruch auf Vertraulichkeit haben. Viele Bewerber sind aber selbst ausgesprochen interessiert am Ergebnis. Auch Marianne Henneman, Personalverantwortliche von Daimler Chrysler France, zieht regelmäßig eine Graphologin zu Rate – vor allem wenn es um die Einstellung externer Bewerber geht und sie bei ihnen persönliche Probleme vermutet. “Ich arbeite mit einer sehr seriösen und kompetenten Dame zusammen, die ich seit Jahren kenne”, sagt sie. Allerdings ist für Henneman die Schriftanalyse nie ausschlaggebend, sondern nur ein zusätzliches Hilfsmittel.

Zwei ganz verschiedene Typen – Stoiber kontra Maget: Was die Handschriften über die beiden Spitzenkandidaten verraten

So sehen die Unterschriften von Ministerpräsident Edmund Stoiber und Herausforderer Franz Maget aus. Und was sagen sie aus? Die AZ hat’s nachschauen lassen. Zu jeder Bewerbung gehört ein handschriftlicher Lebenslauf. Mit einem graphologischen Gutachten machen sich Arbeitgeber ein Gesamtbild des Bewerbers. “Denn eine Handschrift läßt sich nicht manipulieren”, sagt der Münchner Graphologe Helmut Ploog. Bestimmte schrifttypische Merkmale tauchen auch dann auf, wenn jemand versucht, seine Handschrift zu verstellen. Ploog, der Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Graphologen und Dozent an der Psychologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität, analysierte für die AZ Schriftproben von CSU-Amtsinhaber Edmund Stoiber und SPD-Herausforderer Franz Maget – damit sich auch die Wähler ein Bild machen können. Das Fazit des Experten: Zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten! Stoiber, der Extrovertierte mit unbändigem Führungsehrgeiz. Maget, der introvertierte Sachbezogene. Übrigens: Handschriftenkunde hat eine lange Tradition. Schon Cäsars Schrift wurde auf Eigenarten untersucht.
Angela Böhm

Stoiber: Im Sturm und Drang seiner Schaffenslust
Dieser Schreiber hat starke Entschlußkraft, gefällt sich im Darstellen seiner Eigenart. Er hat gesunde Spontaneität, ist unverkrampft. Er paßt sich bei wacher Aufmerksamkeit rasch an neue Verhältnisse an, ist sehr bewegliche im Denken bei optimistischer Grundeinstellung. Zur Weitläufigkeit seines Geistes paaren sich Begeisterungsvermögen und Gestaltungsdrang. Die leichte Ansprechbarkeit im Denken, der Sturm und Drang seines Temperaments können Gefühlseinfluß im Denken und spontane Reaktionen zur Folge haben, die ihn angreifbar machen. Er hat einen starken Antrieb, der sich in Initiative, Leistungsbereitschaft und Schwung bis zur Selbstverausgabung zeigt. Sein Machtbewußtsein äußert sich in selbstsicherem Auftreten, betonter Selbstdarstellung, eigenständigem Handeln. Die starke Schaffenslust wird getragen von bemerkenswerter Dynamik, die ihn ungeduldig sofort Ergebnisse erwarten läßt. Steuert er sich nicht genug, könnten Gegner von affektiver Psyche sprechen, sein Verhalten als Selbstherrlichkeit interpretieren. Er lebt seine Extraversion souverän und ist fähig zur Empathie (Gefühl für Mitmenschen). Aus einem Originalitätsbewußtsein und seiner inneren Autonomie zieht er einen berechtigten Führungsanspruch. Seine Selbstbetonung durch Leistungsehrgeiz reißt andere mit. Seine ichstarken unternehmerischen Qualitäten wirken am besten, wenn ihm genug Selbstregulierung gelingt und er sein Temperament gelegentlich auf Eis legen kann.

Maget: Er geht lieber mal gründlich ins Detail
Dieser Schreiber ist ein Mann mit festen Grundsätzen, der sich sehr bewußt steuert und entsprechend handelt. Er ist genau und präzise im Denken, beobachtet objektiv und kommt so zu selbständigen Urteilen. Er geht sehr umsichtig und überlegt vor und ist bei ausgeglichenem Temperament stark auf Absicherung bedacht. Er ist sehr detailgenau, nüchtern und lehnt Spekulationen grundsätzlich ab. Aufgrund seiner starken Sachbezogenheit unterschätzt er durchaus die Gefühlswerte.

Sein Antrieb ist mittel und stark gesteuert, insofern entscheidet er auch sehr überlegt und eher langsam. An einen Bewerber für eine Führungsposition in einem Unternehmen würde man außerdem die Frage nach seinem Durchsetzungsvermögen, nach seiner überlegenen Aktionssicherheit, kurz: nach dem Wind unter den Flügeln stellen. Führungsfähigkeit und Charisma gehören ebenfalls dazu und manchmal die zupackende Wucht einer Persönlichkeit.

Er ist gut angepaßt, einordnungsbereit und exponiert sich wenig. Er hat starke Anteile an Introversion und ist eher sach- als personenbezogen. Seine Selbstbeherrschung läßt ihn sehr vernünftig vorgehen, unter Abwägung aller Für und Wider. Die starke Einschaltung seines Bewußtseins wirkt sich bremsend aus und könnte ihm letztlich als Unentschlossenheit ausgelegt werden.

Auf seine Art liegt ihm die sachliche Kontrolle des Vorhandenen sichtlich mehr als ein phantasievoller Entwurf der Zukunft.

Fingerabdruck der Persönlichkeit
Graphologie hat Kritiker, doch viele Personalchefs setzen auf Schriftgutachten

Schön schreiben, sauber und deutlich: Mancher mit ausgeprägter ‚Klaue’ scheiterte bereits zu Schulzeiten daran. Heute gibt’s zum Glück E-Mails und Laserdrucker. Handschrift als Visitenkarte?

Das gilt immer noch: für Liebesbriefe. Und für Graphologen.

Auch in Zeiten, in denen der handgeschriebene Lebenslauf bei der Bewerbung ausgedient hat, gibt es Personalchefs, die bei der Einstellung von Führungskräften nicht auf ein schriftpsychologisches Gutachten verzichten wollen. Als ergänzende Information. Das ist hier zu Lande nicht so populär wie etwa in der Schweiz oder Frankreich, wo bis zu 85 % der Chefs darauf setzen. Doch Dr. Helmut Ploog, Vorsitzender des Berufsverbandes geprüfter Graphologen/Psychologen, fallen auf Anhieb bei seinen Kunden neben Kleinbetrieben und Mittelständlern ein großer Medienkonzern und ein bekannter Discounter ein. Eine Schriftanalyse koste 200 bis 300 Euro und sei allemal günstiger, als eine Fehlentscheidung, argumentiert er.

“Es kommt wenig darauf an, wie wir schreiben, aber viel, wie wir denken!” sagte der Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing. Doch dem Schriftpsychologen ist’s beinahe eins. Die Graphologie ist eine Ausdruckswissenschaft, die hier zu Lande auf eine 100-jährige Geschichte zurückblickt, erläutert Helmut Ploog. Er selbst ist 30 Jahre als Gutachter im Geschäft, bringt an der Uni München Psychologiestudenten die Grundlagen der Schriftkunde bei. “Ein Graphologe lernt, den Ausdruck der Schrift zu interpretieren – als eine Form der Körpersprache auf feinmotorischer Ebene.”

Den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit läßt Ploog nicht gelten. Immerhin 50 Doktorarbeiten gebe es zum Thema, und: Durch Tests, wie die Psychologen es gern machten, sei die Arbeit der Graphologen schwierig zu beurteilen. “Besser ist es, Personalchefs ein halbes Jahr später zu befragen.”

Drei Jahre muß man lernen, um sich geprüfter Graphologe nennen zu können – rund 90% der ca. 600 deutschen Graphologen sind weiblich. Geschützt ist die Bezeichnung nicht. Wohl auch einer der Gründe, daß die Schriftpsychologie vielen als unseriös gilt. Helmut Ploog hält eher das niedrige Niveau der Graphologen in den USA für eine Ursache.

Was braucht der Graphologe für ein Schriftgutachten? Alter, Geschlecht, Beruf. Eine Seite Text – handschriftlich natürlich, Inhalt und Lesbarkeit sind egal. Plus Unterschrift, denn die Normalschrift zeige wie man wirklich ist, und das Signum, wie man sich nach außen darstellt, erklärt Dr. Ploog.

Untersucht wird der Gesamteindruck der Schrift: Bewegung, Rhythmus, Tempo, Druck, Ober- und Unterlängen und vieles mehr. Das gut ein Schriftgutachter zwar auch, der die Korrektheit einer Unterschrift prüfen muß. Der Graphologe geht einen Schritt weiter und interpretiert. Zieht Rückschlüsse auf die Gesamtpersönlichkeit, auf intellektuelle Fähigkeiten wie Kreativität; bewertet Leistungsvermögen wie Belastbarkeit und die soziale Kompetenz wie etwa Teamverhalten. Weder werden Einzelmerkmale der Schrift Eigenschaften zugeordnet, noch Schicksalsdaten herausgelesen.

“Schrift läßt sich nicht verstellen,” erklärt Ploog. Und meint damit, daß der Schriftkundler den Täuschungsversuch erkennt: der Strich werde dicker, die Schrift steiler und langsamer, zäher. Handschrift sei “Gehirnschrift” erläutert der Fachmann, sie bleibe sich stets gleich, egal ob Hand oder, nach einem Unfall etwa, Fuß oder Mund das ausführende Schreib-Organ seien.

Den Personalchef, der seine Handschrift unter die seiner Bewerber geschmuggelt hat, konnte Ploog gleich entlarven.

Männer und Frauen schreiben übrigens unterschiedlich: Bei Frauen sei oft die Mittelzone größer ausgelegt, mit wenig Ausschlägen nach oben oder unten, was einer Orientierung im Nahbereich entspreche, erklärt Ploog. Die typische Männerschrift sei im Mittelband klein, mit starken Ausschlägen nach oben und unten, was für Dynamik und Aktivität stehe. Doch das sei eine Faustregel, es gebe immer Mischformen. A propos Männer und Frauen: Wer die Schrift seines oder seiner Liebsten analysiert haben will, muß auch die eigene Probe abgeben. Denn zum Glück gehören schließlich zwei.

Bettina Kutzner

Hinter Schnörkeln will man sich verstecken
Graphologen halten die noch wenig genutzte Handschriftanalyse für den aussagekräftigsten Bewerbertest

“Sauber und ordentlich müsst ihr schreiben. Die Handschrift ist euer Aushängeschild.” So predigte der Lehrer und hatte dabei diesen strengen Blick aufgesetzt. Gegen die “Klaue” der Schüler hatte der gute Mann zwar keine Chance, aber die Sache mit dem Aushängeschild stimmt wohl. Graphologen sagen, sie könnten aus zu Papier gebrachten Zeilen den Charakter eines Menschen ablesen.

In der deutschen Wirtschaft wird diese Technik allerdings eher selten genutzt. Viele Personalchefs halten sie für unseriös – und manipulierbar. Sie verlassen sich lieber auf harte Fakten. Ganz im Gegenteil zu unseren Nachbarn in Frankreich, der Schweiz und den Beneluxstaaten. Dort werden rund 80 Prozent der Bewerber anhand eines graphologischen Gutachtens eingestellt.

“Eine Handschriftanalyse gibt dem Arbeitgeber ein Gesamtbild des Bewerbers, während andere Einstellungstests nur Bruchstücke der Persönlichkeit zeigen”, erläutert Helmut Ploog die Vorzüge der Graphologie. Für den Vorsitzenden des Berufsverbands Deutscher Graphologen sind die in der Industrie und Wirtschaft sehr beliebten Assessment-Center ein “invalides Mittel” zur Mitarbeiterfindung. Bei diesen zum Teil mehrtägigen Auswahltreffen werden die Bewerber in Rollenspielen und Einzelinterviews auf Teamfähigkeit und Führungskraft geprüft. Auf die unterschiedlichen Vorkenntnisse der Teilnehmer wird im Assessment-Center keine Rücksicht genommen. “Wer das Prozedere dreimal mitgemacht hat, weiß, worauf es ankommt, und scheint dann besser zu sein als seine Konkurrenten”, sagt Ploog.

Die Handschrift lässt sich nach Aussage der Graphologen jedoch nicht manipulieren. Bestimmte schrifttypische Merkmale tauchen auch dann auf, wenn jemand versucht, seine Handschrift zu verstellen. Deutlich wird das bei Menschen, die nach einem Unfall plötzlich mit dem Fuß oder dem Mund schreiben müssen. Ihr Schreibstil ändert sich durch die Umstellung nicht. Die Größe, der Schwung und die Buchstabenform bleiben.

Der Manager schreibt druckstark
Die Handschrift betrachten Schriftpsychologen als Körpersprache auf feinmotorischer Ebene. Sie lässt Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Schreibers zu. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Schrift schön oder lesbar ist. Es geht vielmehr darum, ob ein Mensch besonders groß schreibt oder winzig klein oder ob er Schnörkel macht. Auch der Schreibrhythmus, der Druck des Stifts auf das Papier, Form und Abstände der einzelnen Buchstaben, die Aufteilung auf dem Blatt oder die Schrägneigung der Schrift werden von den Graphologen genau unter die Lupe genommen.

Eine typische Managerschrift müsste nach Beschreibung von Helmut Ploog so aussehen: druckstark, vereinfacht, die Buchstaben wegsparend und originell verbunden. Dazu eine starke Rechtsneigung, die für Aufgeschlossenheit und Kontaktfreude steht.

“Wer ökonomisch schreibt, dann auch im wahren Leben mit wenig Einsatz viel erreichen”, urteilt Ploog. Wer dagegen seine Schrift mit vielen Schnörkeln aufpeppt, will damit seine Minderwertigkeitsgefühle verstecken, ist vielleicht auch heuchlerisch.

Die Schrift von Bundeskanzler Gerhard Schröder hat der Graphologe schon analysiert. “Schröder hat eine sehr dynamische Schrift, die Buchstaben sind auf äußerst originelle Art miteinander verbunden. Allerdings läuft er ab und zu Gefahr, Opfer seiner Dynamik zu werden. Das fängt er jedoch durch Intelligenz und schnelles Reaktionsvermögen wieder auf. Insgesamt eine typische Intellektuellenschrift.”

Die Handschriftenkunde hat eine lange Tradition. Schon die Schrift Cäsars wurde von römischen Gelehrten auf ihre Eigenarten untersucht. Eine erste Blüte hatte die Graphologie jedoch im 19. Jahrhundert in Frankreich. Abbé J.H. Michon wurde dort zum Wegbereiter der Schriftpsychologie, in Deutschland folgte Ludwig Klages seinem Beispiel.

Die Ausbildung zum geprüften Graphologen dauert heute drei Jahre. Zurzeit gibt es etwa 600 Schriftanalytiker in Deutschland. Doch es mangelt an Nachwuchs. “Die Graphologie und ihre Möglichkeiten sind hier zu Lande leider noch zu wenig bekannt”, bedauert Ploog, der als Dozent an der Universität München daran arbeitet, sein Fachgebiet populärer zu machen. Die Schriftanalyse kann seiner Ansicht nach mehr als nur ein echtes Testament von einem falschen unterscheiden. Auch ob der Verlobte zu einem passt oder nicht, könne ein erfahrener Graphologe aus der Schrift des Liebsten begründen.

Die Signatur ist das Wunsch-Ich
Das größte Tätigkeitsfeld ist aber die Wirtschaft. Schulabgängern kann zum Beispiel durch ein Schriftgutachten verdeutlicht werden, wo ihre Stärken und Schwächen liegen und welcher Beruf möglicherweise am geeignetsten wäre. Für Personalchefs ist ein graphologisches Gutachten darüber hinaus eine recht billige Art, sich ein Bild von einem Bewerber zu machen. Zwischen 300 und 500 Mark kostet eine Schriftanalyse. “Ein Personalberater kostet um einiges mehr”, sagt Ploog. Die preiswerte Alternative Schriftgutachten nutzen bis jetzt vor allem Versicherungen, die Großindustrie und Unternehmensberatungen, speziell wenn es um die Besetzung von Führungspositionen geht.

Mancher Bewerber fürchtet sich nun davor, dass der Graphologe theoretisch alle seine Eigenarten an den potenziellen Chef weitergeben könnte. Da kann Ploog jedoch beruhigen: “An den Auftraggeber werden nur die für die Aufgabe relevanten Informationen weitergegeben.” Aus diesem Grund benötigen Graphologen eine genaue Stellenbeschreibung vom Arbeitgeber, auf die hin sie die Schrift eines Bewerbers untersuchen.

Für die Analyse reicht eine beschriebene Seite plus Unterschrift. Einen handgeschriebenen Lebenslauf, der meist in Sonntagsschrift verfasst ist, hält Ploog für wenig geeignet. Die Unterschrift ist für ein graphologisches Gutachten besonders wichtig. “Die Signatur steht für das Wunsch-Ich des Bewerbers, sie entlarvt seinen Ehrgeiz und sein Selbstbewusstsein”, erläutert Ploog. Wenn ein Mensch besonders groß und betont schwungvoll unterschreibt, die sonstige Schrift aber eher klein und krakelig ist, will er mehr scheinen, als er ist. Als Manager wäre dieser Bewerber dann sicherlich nicht geeignet.

Die Schriftmerkmale
Jeder Mensch hat eine charakteristische und einzigartige Schrift. Graphologen können aus den verschiedenen Merkmalen einer Handschrift Rückschlüsse auf die Persönlichkeitsstruktur des Schreibers ziehen.

  1. Graphologen unterscheiden die Schrift in drei Zonen, in Oberlängen (b, d, h, k, l, t), die Mittelzone und Unterlängen (g, j, p, q, y). Betonte Oberlängen stehen für intellektuelle Interessen und Begeisterungsfähigkeit, aber auch für Oberflächlichkeit. Aus den Unterlängen kann man die “Ausprägung der Triebe” und der materiellen Interessen ablesen.
  2. Die Größe der Schrift wird in der Mittelzone gemessen. Je ausladender sie ist, desto mehr Selbstwertgefühl besitzt der Schreiber. Extreme Großschreiber können stolz, großmütig, aufgeblasen oder ichsüchtig sein, andererseits aber auch voller Taten- und Freiheitsdrang.
  3. Auch die Verbindung der einzelnen Buchstaben ist ein wichtiges Kriterium für Graphologen. Wird beispielsweise ein “m” wie ein Torbogen geschrieben, zeugt das oft von Verschlossenheit und Zurückhaltung. Im Gegensatz dazu drückt ein wie ein “u” geschriebenes “n” Eigenschaften wie Wohlwollen, Freundlichkeit und Weichheit aus, ebenso aber auch Nachgiebigkeit, Unselbständigkeit und Beeinflussbarkeit – je nachdem wie die sonstigen Schriftsymptome aussehen. Menschen, die die Buchstaben “m” und “n” fast fadenförmig aufgelöst schreiben, möchten meist ohne viel Anstrengung ihre Ziele erreichen.
  4. Die Schräglage: Eine sich nach links neigende Schrift wird überwiegend negativ bedeutet. Selbstbezogenheit und übertriebende Selbstbeherrschung werden mit diesem Schrifttyp in Verbindung gebracht. Schreiber mit einer steil aufrechten Handschrift gelten als besonnene Menschen mit wenig Temperament und Nüchternheit bis hin zur Teilnahmslosigkeit. Wer mit Neigung nach rechts schreibt, verrät Interesse an der Umwelt und den Mitmenschen, Wärme und Ungezwungenheit, teils aber auch Unbeständigkeit und mangelnde Disziplin.
  5. Eine weite Schrift, bei der die Abstände zwischen den Grundstrichen der einzelnen Buchstaben größer sind als die Höhe der Kleinbuchstaben, deutet auf Eifer, Unternehmungslust, Ungeduld und Entfaltungsdrang hin. Eine enge Schrift gilt als beherrscht.

Von Ellen Stickel

Ein Abend neben dem Rotary Club
Jede unserer Handbewegungen hat einen besonderen Sinn: Graphologen tagten in München

Im Anfang war das Gekrakel. Einen Schönschriftwettbewerb jedenfalls hätte der junge Ludwig Klages kaum gewonnen. Aber Leserlichkeit gehörte noch nie zu den obersten Pflichten des Genies. In seinem 1917 erschienenen Werk “Handschrift und Charakter” wies der nicht ganz unsentimentale Philosoph seinen frühen Kritzeleien einen Ehrenplatz zu: Als anonyme Handschrift Nummer eins fanden sie Eingang in den Anhang und somit in die noch junge Geschichte der Graphologie. Auch Schriftproben von Nietzsche und Napoleon hielt die Sammlung bereit, doch keiner der fremden Federn gewann Klages mehr Poesie ab als der eigenen. Der Meeresbrandung sei sie vergleichbar, denn “wie diese nicht die Deiche achtet von Menschenhand, so achtet die ungezügelte Federbewegung des Schrifturhebers die Vorschrift nicht”. Sauklaue ist eben nicht gleich Sauklaue – dem Stürmer und Dränger darf keine vorgedruckte Linie Einhalt gebieten.

Die wilden Jahre der Graphologie sind längst vorbei. Ihren Ausgang nahm die Karriere der schon immer leicht orchideenhaften Disziplin um die Jahrhundertwende in München, wo die Schwabinger Bohème das Ausdeuten von Handschriften als neuen Zeitvertreib entdeckte. Gemeinsam mit dem Bildhauer Hans Hinrich Busse und dem Psychiater Georg Meyer gründete Klages, der vorher Chemie studiert und Gedichte geschrieben hatte, 1896 die Deutsche Graphologische Gesellschaft. Das Projekt stand Künstlern, Spinnern und Wissenschaftlern gleichermaßen offen und geriet bald ins Gravitationsfeld des Antisemiten Alfred Schuler, der in München auf die Wiederkunft heidnischer “Blutleuchten” wartete. Auf Briefbögen und Tagebuchseiten gerann plötzlich die dunkle Tinte des Lebens selbst, die dicht unter den starren Oberflächen der Zivilisation zu blubbern schien – vorausgesetzt, eine Handschrift gab sich unter dem Röntgenblick des Graphologen nicht als unbeseelte Totgeburt zu erkennen. Zur Not hielt man sich an einen Überflieger wie Stefan George: Dessen perfekte Zierschrift, die den Eindruck handgeschnitzter Druckbuchstaben erweckt, ließ laut Klages nichts mehr zu deuten übrig.

Heute sind Graphologen keine Bohemiens, sondern Freiberufler, und anstelle von Genies begutachten sie Führungskräfte und Ehepartner in spe. Zwar tagt die Zunft immer noch in München, doch nicht mehr in Schwabinger Cafés, sondern im Hotel Bayerischer Hof, wo parallel zum Deutschen Graphologentag auch Veranstaltungen der Firma Tupper und des Rotary Clubs stattfinden. Zur anerkannten Wissenschaft hat es die Kunst der Handschriftenausdeutung immer noch nicht gebracht. Wer geprüfter Graphologe werden will, der muß beim Bundesverband Geprüfter Graphologen in München Tonbandkassetten anfordern; die Prüfungsvorbereitung läuft überwiegend im Fernunterricht.

Deutsche Graphologen schwärmen gerne von Frankreich und der Schweiz, wo die Füllfederhalter nur so blitzen und das blütenweiße Schreibpapier einzig darauf wartet, die handschriftlichen Lebensläufe der künftigen Eliten in sich aufzusaugen. Denn während sich die deutschen Arbeitgeber in der Regel auf Interviews verlassen, befragen Graphologen nicht nur bei der Personalauswahl an erster Stelle die Handschrift. Unsere Schreibwerkzeuge, so ihr Hauptargument, haben wir nie ganz in der Hand. Vielmehr führt auf dem Papier das Unterbewußtsein höchstselbst die Feder. So verwandelt sich dem Graphologen Handschrift in Hirnschrift: Menschen mögen manipulieren, Nerven aber lügen nicht.

Wer nach verborgenen Triebkräften sucht, der senkt seit Freud zunächst den Blick. Kein Wunder, daß der Graphologe sein Augenmerk gerne auf die Unterlängen richtet. Als vertikale Wegweiser führen sie geradewegs in die arkanen Räume der Tiefenpsychologie. Klassikerstatus genießen offenbar die schizoiden Unterlängen, die oft im Verbund mit Binnenlücken in Einzelwörtern und einer allgemeinen Zergliederung des Schriftbildes auftreten. Sogar dem Übervater, Klages höchstselbst, weist die Graphologin Christa Hagenmeyer den anscheinend nicht ganz unattraktiven Defekt nach. Hauptsache, aus dem Unterbewußtsein gibt es überhaupt etwas zu vermelden – der aus graphologischer Sicht schlimmste Fall nämlich ist die schnöde Schulschrift.

Weniger Distinktionsgewinn versprechen Abweichungen im Mittelfeld. Ein nicht zu ästhetisches Ärgernis machen etwa Fäden im Mittelband aus, besonders wenn sie unschön aus den Wortenden heraushängen. Gerade im Kontext einer durch zackige Anschlüsse geprägten Winkelschrift ist ein eingestreuter loser Faden ein fatales Signal, das – wie die Schweizerin Esther Dosch zeigte – auch einem ansonsten ordentlichen Bewerbungsschreiben alle Glaubwürdigkeit raubt. Eingebundene Oberzeichen hingegen lassen auf den leicht depressiven Typus schließen: Selbst dem kleinsten i-Punkt, einsam über den Wipfeln der Wörter schwebend, fühlt sich der empfindsame Schreiber innerlich verbunden.

Man sieht, fast bei jedem Strich muß man Abstriche machen. Besonders in der von Sulamit Samuleit vorgestellten Familienanalyse, wo die Vorlesungsmitschriften des großen Bruders mit den Weihnachtsgrüßen des Vaters und der Postkarte der kleinen Schwester abgeglichen werden birgt die Handschrift sozialen Sprengstoff. Offene Fadenschrift, verheiratet mit schizoiden Unterlängen – das kann nicht gutgehen, zumal wenn die erwachsene Tochter mit ihrer überdimensionierten Arkadenschrift in der Pubertät steckengeblieben ist. Doch es gibt auch Augenweiden – etwa die Notizblätter von Schachweltmeistern, die Robert Bollschweiler unter die Lupe nimmt. Wohlgeordnet fließen die Schriftzeichen dahin, unwesentliche Details unterbleiben. Kampfeslust schiebt den Text bis dicht an den rechten Seitenrand, während ein lotrechter Linksrand hohe Selbstdisziplin bezeugt. Doch gibt es auch unter den Großmeistern die guten und die genialen, die Techniker und die Künstler: Der Graphologe läßt sich vom Pedanten nicht irritieren und feiert allein die Girlanden des Genies.

Folgt man Helmut Ploog, dem Vorsitzenden des Berufsverbandes, dann dient die Graphologie ohnehin fast nur der frühzeitigen Enttarnung von Hochstaplern – oder, in Ploogs Worten: der Unterscheidung zwischen Führungskräften und solchen, die es sein wollen. Ein paar Handschriftenproben hätten, wie Ploog ausführt, die New Economy vor dem durch Managementfehler ausgelösten Ruin bewahren können. So stürzt beispielsweise die Schriftfassade eines siebenundvierzigjährigen Unternehmers, der seine Firma in den Untergang manövriert hat, bereits bei der kleinsten graphologischen Stichprobe in sich zusammen. Lötungen hier, Wortzerfall dort, fehlende Buchstaben überall: Bei so einer Klaue helfen auch Krawatte und jungdynamisches Grinsen nicht weiter. Hingegen überzeugt das Schriftbold, das der neunundfünfzigjährige Vorstandvorsitzende eines deutschen Weltkonzerns mit sechzigtausend Mitarbeitern abliefert, auf Anhieb durch Ausgewogenheit und Klarheit. Druck- und Lageschwankungen im Mittelband jedenfalls, so Ploog, darf eine Führungskraft nicht aufweisen. Mit einer gepflegten Krakelschrift bewirbt man sich offenbar doch lieber bei der Bohème.

Andreas Rosenfelder

“Graphologie hat nichts mit Wahrsagerei zu tun”
Frau Nauer, warum ist die Graphologie heutzutage von der Wirtschaft nicht mehr so gefragt wie auch schon, wenn es darum geht, personelle Entscheidungen zu treffen?
Genau belegbar ist dies nicht. Die sinkende Nachfrage hat aber sicher damit zu tun, dass die Graphologie etwa in den USA nie richtig Fuss gefasst hat. Heute ist es moderner, ein Assessment durchzuführen. Solche Assessment-Centers, die primär von grossen Unternehmen genutzt werden, haben den Vorteil, dass sie eine höhere Augenschein-Validität aufweisen. Das heisst, man gewinnt den Eindruck, dass ein solches Verfahren durchsichtig ist, da es vielfach gilt, Fragen zu beantworten.

Was lässt sich überhaupt mit Graphologie aussagen? Lassen sich durch eine Handschriftprobe die “guten” von den “schlechten” Managern unterscheiden?
Diese Frage ist so nicht zu beantworten, doch auch andere Selektionsinstrumente schaffen dies nicht. Ich selber kann ein Psychogramm über die jeweilige Persönlichkeit erstellen, ich kann etwas über die intellektuellen, sozialen, aber auch über die Handlungskompetenzen einer bestimmten Person aussagen. Und in der Folge bin ich in der Lage, auf Grund dieser Ergebnisse auf die Führungskompetenzen des Kandidaten zu schliessen. Die Graphologie ist letztlich als Mosaikstein im Rahmen eines Auswahlverfahrens zu sehen. Wir können keine Aussagen bezüglich konkreter Verhaltensweisen machen, sondern nur Tendenzen aufzeigen, etwa wie es sich mit der Belastbarkeit eines Individuums verhält.

Was ist denn eigentlich der Mehrwert der Graphologie? Was können Sie bieten, wozu andere nicht in der Lage sind?
Wir sind in der Lage, etwas über das Potential des Individuums auszusagen. Wir können Hinweise dazu geben, wo angesetzt werden muss, um ganz bestimmte Defizite auszumerzen. Kommt hinzu, dass wir gerade auch in Zeiten erhöhten Kostenbewusstseins den Vorteil haben, mit einfachen Mitteln und in verhältnismässig kurzer Zeit ausführliche Standortbestimmungen machen zu können.

Interview: Jan Mühlethaler

Karriereführer Hochschulen Von Anne Thesing

Dr. Helmut Ploog, erster Vorsitzender des Berufsverbandes geprüfter Graphologen/Psychologen e.V., erklärt, was es mit der Grafologie auf sich hat: “In der Grafologie geht es darum, aus der Handschrift die Persönlichkeit des Schreibers zu erschließen. Die Schrift wird dabei als Körpersprache auf feinmotorischer Ebene betrachtet.” Der Berufsverband geprüfter Graphologen wurde 1952 gegründet. Er versucht, Grafologie durch Berufsgrundsätze, Prüfungsverfahren und Qualitätssicherung einen institutionellen Rahmen zu verleihen. Trotz dieser Bemühungen wird die Grafologie von vielen Außenstehenden als “Hokuspokus-Methode” abgewertet und nicht ernst genommen. Andere dagegen nutzen grafologische Gutachten für eine durchaus ernst zu nehmende Angelegenheit: für die Personalauswahl.

Was die Schrift verrät
Für die Erstellung eines Gutachtens benötigt der Schriftpsychologe eine Handschriftenprobe von mindestens einer DIN A4 Seite, eine Unterschrift und einige Daten zur Person des Schreibers. “Geschlecht und Alter lassen sich nicht aus der Schrift erkennen und müssen daher vorgegeben werden”, erklärt Ploog. “Das Alter zu kennen, ist sehr wichtig. Wenn beispielsweise ein 40-Jähriger kindliche Schriftzüge aufweist, erklären wir im Gutachten, dass es sich um einen sehr jugendlichen Menschen handelt.” Neben Alter und Geschlecht erhält der Grafologe Informationen zum derzeitigen Beruf und zum Anforderungsprofil des Bewerbers. Liegen alle Informationen vor, kann er mit seiner Arbeit beginnen. Zunächst wirft er einen Blick auf das Gesamtbild der Schrift , anschließend geht es ins Detail. Von Größenverhältnissen und Rhythmus der Schrift bis zu verbundenen, mageren oder vollen Buchstaben muss alles bedacht werden. Anhand der Ergebnise kann der Schriftexperte das Innere des Schreibers nach außen kehren. Gesamtpersönlichkeit, intellektuelle Fähigkeiten, Leistungsvermögen, Arbeitsweise, soziale Kompetenz und seelische Verfassung – dem Grafologen bleibt kaum etwas verborgen. Doch nicht alles kommt ins Gutachten. Hier werden lediglich die Eigenschaften des Schreibers dargestellt, die für das Anforderungsprofil relevant sind.

Handschrift läßt sich nicht trainieren
Trotz der allgemein verbreiteten Skepsis klagen die Grafologen nicht über Langeweile. Allerdings nutzen viele ihrer Auftraggeber die Grafologie nicht isoliert, sondern als ergänzendes Hilfsmittel. Anhand der Gutachten werden im Vorfeld entstandene Eindrücke bestätigt beziehungsweise überdacht.

Schriftpsychologische Verfahren werden vor allem bei der Auswahl von Führungskräften eingesetzt. Bei Berufseinsteigern bevorzugen die Unternehmen herkömmliche Tests oder Assessment Center. Auf diese Einschränkung reagiert Ploog mit Unverständnis: “Das Assessment Center ist wegen des Personalbedarfs teurer, zeitaufwändiger und liefert darüber hinaus weniger verlässliche Ergebnisse als die Grafologie. Die Bewerber können außerdem durch häufige Teilnahmen an verschiedenen Testverfahren bestimmte Situationen trainieren und dadurch ihre Testergebnisse positiv beeinflussen.” Doch können Bewerber, die mit den Analysekriterien der Grafologie vertraut sind, nicht auch ihre Handschrift “trainieren”? Nein, so leicht lassen sich Ploog und seine Kollegen nicht überlisten: “Wenn jemand seine Handschrift verstellt, wird sie automatisch steiler, langsamer, druckstärker und verliert an Spontaneität. Das erkennt man.” Schummeln ist also nicht möglich. Lediglich die Tagesform kann das Schriftbild beeinflussen – wie sie auch Tests und Interviews beeinflussen kann. Ploog empfiehlt, einen “guten” Tag für die Schriftprobe zu wählen. “Idealerweise sollte ein Kandidat eine zügige Schrift zu Papier bringen. Gut und schnell verbundene, eigengeprägte Buchstaben erleichtern unsere Arbeit.” Vor allem sollte die Schrift nicht schulmäßig aussehen. Denn die Persönlichkeit des Schreibers definiert sich durch die Abweichung von der (Schul-)Norm.

Krisenstimmung

Die Erklärungen des geprüften Grafologen klingen einleuchtend und schlüssig. Bleibt die Frage, warum nur magere 15 Prozent der deutschen Unternehmen der Grafologie trauen – ganz im Gegensatz zu anderen Staaten. In Frankreich und der Schweiz verlassen sich immerhin zwischen 70 und 85 Prozent der Unternehmen auf die Betriebsgrafologie. Dr. Ploog führt das schlechte Image seiner deutschen Kollegen auf den Einfluss Amerikas zurück: “In Amerika wird im Bereich der Grafologie sehr viel Humbug getrieben. Die Methode wird daher von amerikanischen Psychologen sehr kritisch betrachtet. Die deutschen Psychologen wiederum verlassen sich auf die Aussagen der Amerikaner.So wird bei uns eine Meinung verbreitet, die sich auf keine für Deutschland gültigen Erfahrungswerte stützen kann.”

Schwere Zeiten für die Schriftanalytiker
Von Paula Lanfranconi – Das Graphologie-Gewerbe tut sich mit modernen Assessment-Centern schwer

Gottlieb Duttweiler hätte heute keine Chance mehr. Mit seiner ungeduldig vorwärtsstürmenden Handschrift würde den Migros-Pionier kein graphologiegläubiger Personalchef an die Spitze eines Grosskonzerns hieven. “Managerschriften müssen stabil, regelmässig und druckstark sein – eher konventionell halt” sagt der bekannte Graphologe Urs Imoberdorf.

Bis Mitte der neunziger Jahre waren solche Lehrsätze den meisten helvetischen Personalchefs heilig. In einer Studie des Institutes für Organisation und Personal der Uni Bern im Jahr 1994 gaben 77 Prozent der befragten Deutschschweizer Personalverantwortlichen an, bei der Besetzung von Kaderstellen graphologische Gutachten einzuholen. In der Romandie waren es 41 Prozent. Ähnlich hohe Quoten erreichte die Graphologie nur noch in Frankreich.

Nestlé zum Beispiel, welche der Graphologie in dieser Zeitung 1995 noch eine “Trefferquote von 75 Prozent” attestierte, lässt ausrichten, man arbeite überhaupt nicht mehr mit diesem Verfahren. Die Credit Suisse setzt Graphologie nur noch ausnahmsweise ein. Bei Novartis wiederum arbeiten nur noch ältere Personalchefs mit Graphologie, jüngere bevorzugen moderne, computergestützte Tests. Auch Zurich Financial Services und Adecco, der weltweit grösste Personalvermittler, schicken ihre Kandidaten lieber in Assessment-Center. Dort müssen die Bewerber die bekannte Postkorbübung absolvieren, knifflige Rollenspiele überstehen – zum Beispiel jemanden entlassen oder sich mit jüngeren Nebenbuhlern auseinander setzen -, Sitzungen leiten oder Marktanalysen durchführen.

Armin Haas von Pricewaterhouse Coopers sieht einen Zusammenhang mit dem steigenden Einfluss der Angelsachsen auf die hiesige Wirtschaft: Für sie galt die Schriftdeutung immer schon als Hokuspokus. Eine Gefahr des Graphos, so Haas, sei, dass “Aussagen in einem diffizilen menschlichen Bereich schwarz auf weiss auf dem Papier stehen und dadurch in schwierigen Entscheidungssituationen zu viel Gewicht bekommen können”. Haas macht die Erfahrung, dass Fragebögen mit Multiple-Choice-Antworten und ergänzende Texts für die Kandidaten besser nachvollziehbar seien als eine Handschriftanalyse, bei der viele das mulmige Gefühl haben, es werde in allzu intimen Schichten ihrer Persönlichkeit gegründelt.

“Die Einstellung gegenüber der Graphologie ist kritischer geworden”, bestätigt Professor Francois Stoll, Professor für Angewandte Psychologie an der Uni Zürich. Er muss es wissen: Noch in den achtziger und neunziger Jahren vergaben zwei Professoren regelmässig Lehraufträge in Graphologie – allerdings eher im Sinne einer Sensibilisierung denn als Ausbildung. Das Metier, sagt Stoll, sei “weder gut noch schlecht” und es gebe durchaus gute Graphologen. Doch sei nicht klar, ob deren Qualität auf die Graphologie zurückzuführen sei oder doch eher auf die “soziale Intelligenz” des betreffenden Schriftanalytikers.

Doch bemüht sich die 1950 gegründete Schweizerische Graphologie Gesellschaft (SGG) um eine gewisse Qualitätskontrolle. Wer ihr beitreten will, muss eine Graphologieausbildung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Psychologie und eine Psychologieausbildung an einer Universität oder Hochschule nachweisen.
Inhaltlich geht es bei der Graphologie immer darum, aus dem Bewegungsaspekt einer Schrift, ihrer Formgebung, der räumlichen Aufteilung eines Schriftstückes und dem Strichbild die Persönlichkeitsmerkmale und Charakterstrukturen des Verfassers zu bestimmen. So hielt der Graphologiebegründer Jean Hippolyte Michon 1875 fest, dass eine rechtsschräge Schrift Erregbarkeit bedeutet, betonte Querstriche Willenskraft signalisieren und eine kleine Schrift auf Bescheidenheit hindeutet. Dass eine kräftige, druckreiche Schrift auf Vitalität hinweist, ist für Laien ja noch nachvollziehbar, Doch allein aufgrund der Handschrift zu erkennen, ob sich jemand tatsächlich für eine bestimmte Führungsposition eignet, bleibt letztlich Berufsgeheimnis der Schriftanalytiker. “In jedes Gutachten” gibt die Graphologin Pia Hönig zu, “fliesst ein Teil des Weltbildes des Graphologen ein”. In den Grundzügen jedoch müssten die Gutachten vergleichbar sein. Seriöse Graphologen, sagt SGG-Präsidentin Annemarie Pierpaoli, verstünden sich nicht als Schicksalsmacher: “Das Schriftgutachten soll nicht mehr als einen Viertel des Entscheidungsprozesses ausmachen. Und entscheiden müssen letztlich immer die Auftraggeber.”

Rubrik Bildung und Beruf
Früher wurde er bei jeder Bewerbung verlangt, heute ist er nahezug außer Gebrauch gekommen: Der handgeschriebene Lebenslauf. Die Graphologie nämlich, die aus der Handschrift eines Menschen Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit zu ziehen versucht, gilt derzeit vielen als Pseudowissenschaft. Deutsche Unternehmen beurteilen sie als Kriterium für die Personalauswahl meist skeptisch. In anderen Ländern dagegen, etwa Frankreich und der Schweiz steht der Graphologe als Einstellungsberater hoch im Kurs.

Verräterische Linienführung
Handgeschrieben soll er sein. Ausführlich, nicht tabellarisch und mit Unterschrift. Wer zu seiner Bewerbung einen solchen Lebenslauf abliefern soll, der muss wissen, dass sein Arbeitgeber in spe noch viel mit ihm vor hat. Zumindest aber ist er gewillt, 300 bis 500 Mark für ein graphologisches Gutachten auszugeben. Ein beschriebenes Blatt Papier, DIN A4, unliniert, am Ende eine Unterschrift – für einen Graphologen ist das genug, um Aussagen über die Persönlichkeit des Verfassers zu machen. Die Handschrift als Ausdruck der Persönlichkeit: Das nutzen manche Personalchefs gerne, wenn es darum geht, eine hoch dotierte Stelle mit dem richtigen Kandidaten zu besetzen.

“Die Graphologie sehen viele als gute Alternative zum Assessment Center”, sagt Helmut Ploog, Vorsitzender des Berufsverbandes Geprüfter Graphologen in Deutschland. Die Verfahren und Methoden eines Assessment Centers seien schnell erlernbar und die Gefahr, dass die Ergebnisse stark verfälscht sind, groß: “Wer dreimal an so einem Auswahlverfahren teilgenommen hat, ist routinierter – und scheinbar besser – als ein absoluter Neuling”, meint Ploog. Das gebe zwar Aufschluss über die Lernbereitschaft des Bewerbers, sage aber nichts über dessen Persönlichkeit aus. Und genau die gilt es zu testen, denn einen Einzelkämpfer, der nur einen Nachmittag lang den kooperativen Kollegen spielt, braucht für die Teamarbeit keiner.

Doch die Vorbehalte gegenüber der Graphologie sind mindestens genauso als wie ihr Bestehen. Die Wissenschaft über die Schrift siedelt sich zwar heute im Bereich der diagnostischen Psychologie an, nur ist sie gut 300 Jahre älter. Kurz nach Erfindung des Buchdrucks interessierte man sich bereits dafür, warum keine Handschrift wie die andere aussieht. Seitdem entwickelte man verschiedene Näherungsmethoden und Typologien, um möglichst genau aus dem Schriftbild ein wahrheitsgetreues Persönlichkeitsbild ablesen zu können. “Das ist heute immerhin so genau möglich, dass die Graphologie vor allem in der klinischen Psychologie in Deutschland zur Bestimmung der Dosierung von Psychopharmaka verwendet wird”, sagt die Schriften-Kennerin Esther Dosch. Trotzdem gilt das Deuten der Handschrift vielen nicht seriöser als das Lesen aus der Hand. Aber das Vertrauen vieler Personalchefs auf die Zunft der Graphologen könnte diese Wissenschaft allmählich hoffähiger machen, denn wo es um bares Geld geht, setzt man nicht auf Hexerei – zu teuer sind Fehlentscheidungen in der Personalabteilung. In der Schweiz, Frankreich und den Benelux-Staaten sind graphologische Gutachten bei der Vergabe wichtiger Posten längst Usus. Und werden deswegen auch viel selbstverständlicher angefordert. “Mindestens 68 Prozent aller Führungspositionen in der Schweiz werden mit Hilfe eines Graphologen vergeben”, sagt die Berufs- und Laufbahnberaterin Elisabeth Keiser.

Die Scheu der Personalchefs
Anders hier zu Lande. Helmut Ploog weiß um die Scheu der Personalchefs in Deutschland, sich zur Graphologie zu bekennen: “Auch große Banken und Verlage fordern Gutachten bei mir an. Doch mit der Verwendung schriftpsychologischer Erkenntnisse geht man nicht gerne hausieren. Man verschweigt gerne, dass man seine Personalauswahl einem Graphologen anvertraut.” Dass ein graphologisches Gutachten dabei mehr Erkenntnisse über den Bewerber preisgibt, als diesem lieb sein kann, muss nicht befürchtet werden. Den Graphologen werden die Anforderungen an die zu vergebende Stelle vom Auftraggeber erläutert, und genau nach diesen Kriterien wird die Probe dann untersucht. “Meist wird die Schrift auf Merkmale wie Flexibilität, Streitfähigkeit oder Führungsqualität getestet”, erklärt Ploog, “gute Graphologen können zwar sogar frühkindliche Störungen aus der Handschrift herauslesen – aber an die Auftraggeber werden immer nur die für die Aufgabe relevanten Informationen weitergegeben. Nicht mehr und nicht weniger.” Die Gutachten spielen dabei nicht nur eine unterstützende Rolle: “Wenn der Arbeitgeber von einem Bewerber überzeugt ist, dessen Handschrift ihn aber für den Job disqualifiziert, wird die Entscheidung noch einmal überdacht – und in den meisten Fällen revidiert”, weiß Elisabeth Keiser.

Wie aber soll ein bisschen Handschrift den persönlichen Eindruck ersetzen und ein umfassendes Psychogramm zulassen? Wo bleiben da Ausdruck, Gestik, Verhalten, Geschichte? “Der Mensch ist natürlich viel mehr als seine Handschrift”, räumt die Schweizer Graphologin Esther Dosch ein, “doch in der Handschrift schlägt sich zunächst einmal die Körpersprache eines Menschen auf feinmotorischer Ebene nieder. Und die ist viel genauer analysierbar, als das beim Beobachten so grober Gesten wie dem Verschränken von Armen oder dem Übereinanderschlagen von Beinen möglich ist.” Der Graphologe geht über die Körpersprache hinaus: Auf die feinen Schwingungen im Strich kommt es an: “Unter dem Mikroskop betrachtet gibt der Strich sehr genau Aufschluss über die seelische und geistige Lebendigkeit des Betreffenden. Hier verdichtet sich schließlich, was der Psychotherapeut auf seiner Couch sieht: das vitale Bild des gesamten Menschen”, meint Dosch. Genau hier gründet sich auch die Scheu vor der Graphologie: Niemand möchte in seiner Abwesenheit tiefenpsychologisch auseinander genommen werden können. Das macht die Graphologie unangenehm, fast angsteinflößend. Andererseits stellt es einen ihrer interessantesten Vorteile dar: So unabhängig wie sie von Zeit und Raum ist, lässt sie sich in der Geschichtsforschung hervorragend einsetzen. Da kann ein schlichter Briefwechsel von Alma Mahler mit ihrem Geliebten Aufschluss über den Überdruss an ihrem Mann Gustav geben. Oder die Reisegrüße von George Washington Auskunft über dessen Eignung für ein modernes Dienstleistungsunternehmen (siehe Text links oben).

Schummeln unmöglich
Schönheit und Lesbarkeit der Schrift spielen bei der Bewertung keine Rolle. Der Graphologe betrachtet lediglich die Raumverteilung des Textes, die Linienführung, das Bewegungsbild der Buchstaben oder den Druck des Stiftes auf das Papier. Ästhetische Gesichtspunkte bleiben außen vor – solange der Bewerber keine Blümchen als I-Punkte malt. Außerdem wichtig: Schummeln gilt nicht – und geht auch nicht. Denn die eigene Handschrift lasse sich nicht manipulieren, versichert Elisabeth Keiser: “Wer mit einer besonders schwungvollen Unterschrift Engagement und Selbstbewusstsein suggerieren will, sonst aber in Grundschulmanier seinen Namen aufs Papier kritzelt, wird garantiert erwischt.”

STANDPUNKT
“In 80 Prozent aller Fälle haben die graphologischen Analysen von Bewerbern Recht behalten.”

Davy Sidjanski, Inhaber und Geschäftsführer des internationalen Kinderbuchverlages Nord-Süd, bedient sich seit 15 Jahren graphologischer Gutachten. In seinem etwa 80 Mann starken Unternehmen mit Sitz in der Schweiz ist die Graphologie nichts Exotisches.

SZ: Bei der Vergabe welcher Stellen holen Sie den Rat eines Graphologen ein?
Sidjanski: Bei allen. Vom Telefonisten bis zur Abteilungsleiterin lassen wir für die vier bis zehn engsten Bewerber ein Gutachten erstellen. Eine Probe der Handschrift, ein kurzer Lebenslauf, eine genaue Beschreibung der vakanten Stelle: Das schicken wir an den Graphologen und bekommen die Analyse.
SZ: Die Handschrift einer Telefonistin deuten – ist das nicht übertrieben?
Sidjanski: Nein, wenn man bedenkt, dass auch das falsche Personal am Empfang Unruhe im Team verursachen kann.
SZ: Halten Sie die Gutachten für zuverlässig?
Sidjanski: In etwa 80 Prozent aller Fälle haben die Analysen Recht behalten.
SZ: Haben Sie schon mal gegen die Wahrheit der Handschrift gehandelt?
Sidjanski: Jein. Rät mir unsere Graphologin ganz entschieden ab, ist die Sache klar: Mappe zurück. Manchmal aber folgt man dem persönlichen Eindruck mehr.
SZ: Wie reagieren die Bewerber, wenn Sie ihre Handschrift analysieren lassen?
Sidjanski: Die meisten neugierig, viele skeptisch. Doch erstens machen wir den Bewerbern klar, dass im Bericht der Graphologin nur für den Arbeitsplatz relevante Informationen auftauchen, Team- oder Streitfähigkeit etwa. Zweitens sprechen wir alle Analysen gemeinsam mit dem Bewerber im Beisein der Graphologin durch. Da zeigt sich dann oft gesteigertes Interesse am eigenen Gutachten. Aber wer persönlichere Details erfahren möchte, der muss sich an unsere Graphologin wenden. Sowas interessiert uns nicht.
SZ: Lässt sich Teamverhalten nicht doch besser im Assessment Center testen?
Sidjanski: Nur bedingt. Wir schicken unsere Bewerber zwar auch in Assessment Center, aber für mich sind die Ergebnisse der Kandidaten meist zu durchschnittlich. Da gab es selten Signifikantes.
SZ: Würden Sie gänzlich auf die Bewerberauswahl anhand graphologischer Gutachten umstellen?
Sidjanski: Sicher nicht. Der persönliche Eindruck, Referenzen füherer Arbeitgeber, auch der Gang durch ein Assessment vervollständigen das Bild. Grundsätzlich tendiere ich aber dazu, der Graphologie – neben dem persönlichen Eindruck – den meisten Glauben zu schenken. Das hat die Erfahrung bestätigt.
Interview: Kerstin Kullmann