Die Aufnahme des graphischen Tatbestandes einer Schrift bis zur Formulierung des Gutachtens vollzieht sich in mehreren Stufen:

1. Ermittlung der Eindruckscharaktere einer Schrift (ohne Wertung) nach dem
Bewegungsbild: z. B. impulsiv, kraftvoll, fahrig, dynamisch, gestört…
Formbild: z. B. bizarr, originell, aufgeblasen, rund, stilisiert…
Raumbild: z. B. weitmaschig, zerrissen, verworren, klar…
Strichbild: z. B. farbig, warm, trocken, kräftig, plastisch…

2. Ermittlung von Ganzheitsmerkmalen einer Schrift:
Verhältnis von Bewegung und Formung
Versteifungsgrad (Spannung einer Schrift)
Rhythmus
Eigenartsgrad
Einheitlichkeit

3. Erfassung von 20 Einzelmerkmalen, die teils meßbar, schätzbar oder beschreibbar sind. Die Schrift kann sein:
langsam oder eilig
unverbunden oder verbunden
klein oder groß
mager oder voll
usw.

4. Zuordnung des Schreibers zu Persönlichkeitstheorien. In der Regel werden psychodynamische oder philosophisch-phänomenologische Ansätze verfolgt.

5. Ausdeutung der Schriftmerkmale und Synthese im Gutachten.

Ein graphologisches Gutachten ist stets das Ergebnis sorgfältiger psychodiagnostischer Überlegungen und der persönlichen Begegnung mit einem Menschen über seine Schrift.

Hier geht es um die Frage, ob die Aussagen und Schlußfolgerungen, die aus der Deutung der Handschrift abgeleitet werden, objektiv richtig sind. Die Fragestellung betrifft hier die Validierung auf der Interpretationsebene, die bisher am häufigsten in Angriff genommen wurde.

Im letzten Jahrhundert wurden knapp 50 Dissertationen an den unterschiedlichsten Fakultäten im deutschsprachigen Raum eingereicht. Auf empirischer Basis wurden Hypothesen gebildet und diese mit Tests oder Außenkriterien (= Berufserfolg) korreliert.

Grundsätzlich ist eine Interpretation der Schrift anhand einer Zuordnung von Einzelmerkmalen nicht möglich. Deshalb wird die Validität anhand von Merkmalsgruppen überprüft, insbesondere mit der Methode der Faktorenanalyse.

„Zum Teil wurde, vor allem von Untersuchern, die der Graphologie negativ gegenüber stehen, das Ergebnis bereits durch die Untersuchungsanordnung beeinflußt. (…) Eine Verschlechterung der Ergebnisse ist auch zu finden, wenn zu den Versuchen unqualifizierte Gutachter herangezogen wurden.“

Lewinsky, Robert: Möglichkeiten und Grenzen der Graphologie in der klinisch-diagnostischen Praxis, Phil. Diss. Zürich 1977, S. 28.

So zog bereits 1945 Hans Jürgen Eysenck im British Journal of Psychology folgende Schlußfolgerung: „Taken together, these results seem to show fairly conclusively that it is possible for a skilled graphologist to diagnose personality traits from handwriting with better-than-chance success.“ (Ein geübter Graphologe kann mit überzufälliger Wahrscheinlichkeit Charakterzüge aus einer Handschrift diagnostizieren.)

Pauschal läßt sich sagen, daß die Graphologie in Überprüfungen ihrer Validität Ergebnisse erbringt, die mit denen anderer Verfahren durchaus vergleichbar sind und diese zum Teil übertreffen.

In der Psychologie war etwa ab 1973 ein nachlassendes Interesse an Persönlichkeitsverfahren zu verzeichnen. Erst Anfang der Neunziger Jahre erwachte in Gestalt des Big5-Modells das Interesse an theoretischen Persönlichkeitsmodellen neu. Schuler resümiert die Situation etwas resigniert: „Die vorliegenden Metaanalysen scheinen zum jetzigen Zeitpunkt noch zu stark über vorhandene systematische Einflüsse zu generalisieren. Möglicherweise müssen noch einige Jahre vergehen, bis genügend Primärstudien mit direkten Big5-Messungen vorhanden sind.“2

Unter einer Metaanalyse versteht man die Zusammenfassung von unterschiedlichen empirischen Einzelstudien zur gleichen Fragestellung. Für die deutschsprachigen graphologischen Studien hat Rainer Doubrawa in seiner Dissertation an der Universität Bonn mit dem Titel „Handschrift und Persönlichkeit“ 1978 eine derartige Zusammenstellung geliefert. Für englischsprachige Studien hat dieselbe Aufgabe Olivia Graham aus London durchgeführt, veröffentlicht in der Zeitschrift „Angewandte Graphologie und Persönlichkeitsdiagnostik, Jg. 50, Heft 2, August 2002, S. 74 – 82. Aufgrund der Sprachbarriere sind alle Forschungsergebnisse aus dem deutschsprachigen Raum in England und den USA so gut wie unbekannt!

Hat sich die Graphologie bewährt? Hans Huber Bern und Stuttgart 1957

114 graphologische Gutachten, die am Institut für Psychologie an der Universität Freiburg entstanden waren, wurden mit den Ergebnissen betrieblicher Beurteiler in einem Beurteilungsbogen mit 18 Fragen und 6stufigen Skalen verglichen. Die betrieblichen Beurteiler kannten den jeweiligen Mitarbeiter aus einem längeren Beobachtungszeitraum. Anhand einer Kontrollgruppe wurde die Korrelation der Betriebsurteile untereinander geprüft. Die Beurteilungen verschiedener Betriebspraktiker über ein und denselben Angestellten zeigten eine 79prozentige Übereinstimmung, womit die Brauchbarkeit des Fragebogens nachgewiesen war.

Ergebnisse Frage Nr. Korr.Koeff. sehr signifikant r > 0,28 5 Persönliches Format 0,30
7 Intellektuelle Fähigk. 0,29
17 Eignung z. Vorgesetzten 0,25
signifikant r > 0,24 4 Lebensreife 0,23
18 Eignungsgrad insgesamt 0,23
9 Prakt. Fähigkeiten 0,21
schwach signifikant r > 0,18 16 Verhalten zu Kollegen 0,20
11 Verhandlungsgeschick 0,17
Tendenzergebnis r > 0,15 8 Gedächtnis 0,12

Die Auswertung von 114 Fällen ergab rund 75 % übereinstimmende Urteile zwischen Betrieb und Graphologie. Der prognostische Wert des graphologischen Gutachtens bei der Neueinstellung von Mitarbeitern bezieht sich vor allem auf die ganzheitlichen Aspekte der Persönlichkeit.

(Diese methodisch sehr sorgfältige Studie ist immer noch antiquarisch im Internet zu finden.)

Graphology in Personality Assessment: A Reliability and Validity Study Dissertation, Adelphi University 1993

Unter experimentell und methodologisch rigorosen Bedingungen wurden die Ergebnisse zweier Graphologen (Felix Klein, Roger Rubin) mit denen von 14 klinischen Psychologen (Promotionsanwärter) verglichen. Bei den Testanden handelte es sich um 21 erwachsene Personen im Alter zwischen 18 und 54 Jahren, die sich am Derner Institut der Adelphi Universität einer Testbatterie üblicher klinischer Tests unterzogen hatten. Sowohl die klinischen Psychologen als auch die Graphologen hatten die Q-Daten (Q=Questionnaire) des California Fragebogens nach Block (1978) auszufüllen, der aus 100 Persönlichkeitsbeschreibungen in 9stufiger Skala (von der geringsten bis zur stärksten Ausprägung) besteht und eine Quasi-Normalverteilung der Beschreibungen liefert.

Die Ergebnisse der Untersuchung führten zu dem Schluß, daß es möglich ist, mit Hilfe von Handschriftanalysen zuverlässige und exakte Persönlichkeitserfassungen durchzuführen. Auch in bezug auf die DSM-III-R Diagnose zeigten Kliniker und Graphologen in den meisten Fällen übereinstimmende Ergebnisse. Alle drei aufgestellten Hypothesen der Studie fanden Bestätigung, insbesondere Hypothese zwei in bezug auf die Validität der graphologischen Q-Daten. Signifikante positive Korrelationen zwischen .21 bis .45 wurden ermittelt; es ergaben sich keine signifikanten negativen Korrelationen.

Als Nachteil wurde festgehalten, daß die gestellten Fragen im Fragebogen stark verhaltensorientiert waren und weniger auf Unbewußtes, Gefühle oder Phantasien abzielten, was sowohl in den klinischen Tests als auch durch die Handschriftanalyse zu erfassen versucht wird.

(Der Graphologe Felix Klein ist inzwischen verstorben und ein qualifizierter Ersatz für eine die Wiederholung einer derartigen Studie dürfte in den USA schwer zu finden sein.)

Ist an der Graphologie doch etwas dran? Untersuchungen zur Übereinstimmung von Graphologenurteil und psychometrischen Persönlichkeitstests, in: Zeitschrift für Personalpsychologie, Hogrefe, Göttingen 2002, S. 171 – 176.

An der an der Universität Leipzig durchgeführten Studie nahmen 60 Studienanfänger der Psychologie teil. Zur psychometrischen Erfassung ausgewählter Persönlichkeitseigenschaften wurde u. a. der 16-Persönlichkeits-Faktoren-Test, der Trierer Persönlichkeitsfragebogen, das NEO-Fünf-Faktoren Inventar und der Leistungsmotivationstest eingesetzt. Des weiteren kam ein sog. objektiver Persönlichkeitstest , die Testbatterie „Arbeitshaltungen“ zur Anwendung. Die Testanden hatten einen einheitlichen Text unter standardisierten Bedingungen (Papier, Schreibgerät, Situation) abzuschreiben. Auf der Basis dieses Textes gaben fünf geprüfte Graphologen ihr gemeinsames Urteil in Bezug auf sieben fünfstufig unterteilte Beurteilungsdimensionen ab. Die sieben Beurteilungsdimensionen waren: Soziale Impulsivität, Kognitive Impulsivität, Soziale Gehemmtheit (Introversion), Leistungsmotivation, Gewissenhaftigkeit, Frustrationstoleranz und innere Ruhe.

„Als Fazit können wir schlußfolgern: Insbesondere dann, wenn Fragebogenergebnisse auf Grund erhöhter Tendenz, sozial erwünschte Antworten zu geben (wie z.B. in Eignungstestsituationen), möglicherweise invalide Ergebnisse liefern, sind Graphologen-Urteile potentiell doch interessante, da nicht so leicht verfälschbare „Zusatzinformationen“ für den Diagnostiker. Hinweise für diese Vermutung gibt es in unserer Studie vor allem bei der Dimension Intro- bzw. Extraversion. (…) Da die Schriftproben bereits früher (also vor der diagnostischen Begutachtung) erbracht werden konnten und nicht unter dem Einfluß des Diagnostikers entstehen müssen, handelt es sich bei der Graphologie daher um ein sog. nicht-reaktives Verfahren sensu Webb, Campbell, Schwartz und Sechrest (1975), das gewisse „Objektivitätsvorteile“ gegenüber den üblichen reaktiven Verfahren der Diagnostik aufweist.“

Graphology for the diagnosis of suicide attempts: a blind proof of principle controlled study, in: International Journal of Clinical Practice, March 2007, S. 411 – 415

Vierzig Patienten in zwei großen Pariser Krankenhäusern wurden am Tag ihrer Entlassung nach einem Selbstmordversuch um eine Schriftprobe gebeten, und zwar sollten sie einen kurzen Brief über eine Kindheitserinnerung zu Papier bringen. Als Kontrollgruppe wurden Schriftproben von 40 gesunden Freiwilligen eingeholt. Zwei Graphologen und zwei Ärzte aus dem Bereich der inneren Medizin ohne Graphologiekenntnisse, die weder die Patienten noch die Personen der Kontrollgruppe kannten, sollten die gemischt nummerierten Schriftproben richtig zuordnen, entweder der Kontrollgruppe oder der Suizidgruppe. Die Graphologen ordneten 32 der 40 Handschriften richtig der Suizidgruppe zu, die Internisten 27 von 40. Ferner ordneten die Graphologen 33 von 40 Schriften der Kontrollgruppe zu, die Internisten 34 von 40. Schließlich wurden 12 Schriftproben aussortiert, aus denen Anflüge von Traurigkeit oder Empfindsamkeit ersichtlich waren, wonach sich 82 % richtige Zuordnungen durch die Graphologen und 71 % durch die Internisten ergaben. Die Graphologen stimmten zunächst bei 12 Briefen nicht überein, jedoch nach einer gemeinsamen Aussprache einigte man sich richtig in acht Fällen. Die Studie erbrachte somit einen annehmbaren Grad an Genauigkeit, so daß die Graphologie als Instrument zusätzlich zur Entscheidungsfindung in der Psychiatrie oder inneren Medizin herangezogen werden könnte. (Die Graphologen hatten keine Einzelmerkmale herangezogen, sondern Ganzheitsmerkmale oder Merkmalssyndrome.)