Hier geht es um die Frage, ob die Aussagen und Schlußfolgerungen, die aus der Deutung der Handschrift abgeleitet werden, objektiv richtig sind. Die Fragestellung betrifft hier die Validierung auf der Interpretationsebene, die bisher am häufigsten in Angriff genommen wurde.

Im letzten Jahrhundert wurden knapp 50 Dissertationen an den unterschiedlichsten Fakultäten im deutschsprachigen Raum eingereicht. Auf empirischer Basis wurden Hypothesen gebildet und diese mit Tests oder Außenkriterien (= Berufserfolg) korreliert.

Grundsätzlich ist eine Interpretation der Schrift anhand einer Zuordnung von Einzelmerkmalen nicht möglich. Deshalb wird die Validität anhand von Merkmalsgruppen überprüft, insbesondere mit der Methode der Faktorenanalyse.

„Zum Teil wurde, vor allem von Untersuchern, die der Graphologie negativ gegenüber stehen, das Ergebnis bereits durch die Untersuchungsanordnung beeinflußt. (…) Eine Verschlechterung der Ergebnisse ist auch zu finden, wenn zu den Versuchen unqualifizierte Gutachter herangezogen wurden.“

Lewinsky, Robert: Möglichkeiten und Grenzen der Graphologie in der klinisch-diagnostischen Praxis, Phil. Diss. Zürich 1977, S. 28.

So zog bereits 1945 Hans Jürgen Eysenck im British Journal of Psychology folgende Schlußfolgerung: „Taken together, these results seem to show fairly conclusively that it is possible for a skilled graphologist to diagnose personality traits from handwriting with better-than-chance success.“ (Ein geübter Graphologe kann mit überzufälliger Wahrscheinlichkeit Charakterzüge aus einer Handschrift diagnostizieren.)

Pauschal läßt sich sagen, daß die Graphologie in Überprüfungen ihrer Validität Ergebnisse erbringt, die mit denen anderer Verfahren durchaus vergleichbar sind und diese zum Teil übertreffen.

In der Psychologie war etwa ab 1973 ein nachlassendes Interesse an Persönlichkeitsverfahren zu verzeichnen. Erst Anfang der Neunziger Jahre erwachte in Gestalt des Big5-Modells das Interesse an theoretischen Persönlichkeitsmodellen neu. Schuler resümiert die Situation etwas resigniert: „Die vorliegenden Metaanalysen scheinen zum jetzigen Zeitpunkt noch zu stark über vorhandene systematische Einflüsse zu generalisieren. Möglicherweise müssen noch einige Jahre vergehen, bis genügend Primärstudien mit direkten Big5-Messungen vorhanden sind.“2

Unter einer Metaanalyse versteht man die Zusammenfassung von unterschiedlichen empirischen Einzelstudien zur gleichen Fragestellung. Für die deutschsprachigen graphologischen Studien hat Rainer Doubrawa in seiner Dissertation an der Universität Bonn mit dem Titel „Handschrift und Persönlichkeit“ 1978 eine derartige Zusammenstellung geliefert. Für englischsprachige Studien hat dieselbe Aufgabe Olivia Graham aus London durchgeführt, veröffentlicht in der Zeitschrift „Angewandte Graphologie und Persönlichkeitsdiagnostik, Jg. 50, Heft 2, August 2002, S. 74 – 82. Aufgrund der Sprachbarriere sind alle Forschungsergebnisse aus dem deutschsprachigen Raum in England und den USA so gut wie unbekannt!